Klarer und deutlicher als die Führer der Welt äußern die christlichen Kirchen Kritik an der US-Kriegspolitik. Die Kirchen gewinnen so auch neue Anziehungskraft.
Von Heribert Prant
Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe nicht den Blick über die Dörfer mit den Kirchturmspitzen. Es gäbe nicht die heiligen Haltestellen in den Großstädten der Alten und der Neuen Welt. Ohne Kirche gäbe es keinen öffentlichen Raum, in dem ein Mensch trauern und weinen kann – bei irgendeinem Lied, bei einer Fürbitte, die ihn anrührt. Das freilich hat die Flucht aus den christlichen Kirchen nicht verhindert und nicht gestoppt. Seit 2024 ist in Deutschland erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen. 2024 sind 667 000 Menschen ausgetreten. Insgesamt haben beide Kirchen 2025 rund 1,2 Millionen Mitglieder verloren; die Austritte plus die Sterbefälle überstiegen Taufen und Eintritte deutlich.
Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Dazu gehört heute auch die scharfe Kritik an der gewalttätigen Politik von US-Präsident Donald Trump. Diese Kritik ist viel klarer, sie ist markanter und schärfer als die von Merz und Macron, als die von den demokratischen Staatslenkern der westlichen Welt. Diese Kritik verleiht der kirchlichen Lehre als Friedenslehre neue Glaubwürdigkeit – und vielleicht auch neue Anziehungskraft. Wer aus der Kirche austritt, der tut es nicht unbedingt, weil er über Nacht Atheist geworden ist; er tut es, weil er in der Kirche nicht oder nicht mehr das findet, was er sucht: Schutz, Halt, Trost, Freude – und die mutige Klarheit des Bekenntnisses zu Frieden und Nächstenliebe.
Der Vatikan äußert sich deutlicher als Merz und Macron
Papst Leo XIV. ist zu einem der prominentesten Kritiker von Trumps innen- und außenpolitischem Kurs geworden, indem er die Misshandlung von Migranten verurteilt und die „Unheiligkeit des Krieges“ hervorhebt. Leo tut dies, ohne Trump namentlich zu nennen: „Ich glaube nicht, dass die Botschaft des Evangeliums dazu gedacht ist, so missbraucht zu werden, wie manche Menschen es tun.“ Trump weiß freilich, dass er als Missbraucher gemeint ist – und hat sich beleidigend und unflätig gegen den Papst geäußert.
Soeben bei seinem Besuch in Kamerun sagte Papst Leo: „Wehe denen, die die Religionen und selbst den Namen Gottes für ihre militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke verbiegen und damit das Heilige in Schmutz und Finsternis ziehen.“ Auch aus dem US-Episkopat kommen scharfe Reaktionen auf Trump, auf seine religiöse Selbstinszenierung und auf seine Angriffe auf den Papst.
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sprach in seiner Osterpredigt im Münchner Liebfrauendom von einem „Missbrauch Jesu für Kriege“ durch die US-Regierung, und er kritisierte Washington scharf, „wo der Kriegsminister, wie er sich jetzt nennt, sich auf Jesus beruft, um zu sagen, ‚hoffentlich trifft jede Kugel möglichst viele Feinde‘“, und das „ein Gebet“ nennt. Marx stellte den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. neben den US-Minister Pete Hegseth, weil dieser den russischen Angriffskrieg als „Heiligen Krieg“ bezeichnet habe. Marx ordnete das in denselben Kontext ein.
„Lasset die Geister aufeinanderprallen, aber die Faust haltet stille.“
Die Frivolität eines solchen „Gebets“ zu geißeln, ist die Aufgabe der christlichen Kirchen. Sie wissen aus ihrer eigenen Geschichte, wie lästerlich es ist, die Religion für die eigenen Gewaltfantasien zu missbrauchen. Marx hatte schon beim Amtsantritt von Trump vor Politikern gewarnt, die sich als Erlöser darstellen. Kirsten Fehrs, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, erklärte, auf Trump zielend, Autokraten, die menschenverachtende Taten begehen und die christliche Friedensethik ignorieren, „verbiegen das Evangelium zu einer bloßen Herrschaftsideologie“. In den USA selbst ist das Bild gespalten: Viele weiße Evangelikale stützen Trump, zugleich gibt es aber klar formulierte evangelikale Kritik.
Die Klarheit der Kritik an der US-Kriegspolitik haben jedenfalls die führenden Leute der christlichen Kirchen den politischen Anführern der westlichen Welt voraus. Sie können sich bei ihrer Trump-Kritik auch auf Martin Luther berufen: „Wer Krieg anfängt, ist im Unrecht.“ Die Aufforderung des Reformators folgt der Bergpredigt, nämlich so: „Lasset die Geister aufeinanderprallen, aber die Faust haltet stille.“
Es wichtig, dass die Kirchen heute die Spannung zwischen der christlichen Friedensbotschaft und einer religiös verbrämten Kriegsrhetorik à la Trump betonen. Die Bibel ist da Vorbild: Die sogenannte „Tempelreinigung“ in der Bibel zeigt, dass der Umkehrruf Jesu dort scharf und konfrontativ wird, wo Religion selbst zur Deckung von Ungerechtigkeit genutzt wird. Die Klarheit der kirchlichen Erklärung zu Trumps Gewaltpolitik orientiert sich darin. Dieses Bekenntnis führt zu Authentizität – und womöglich zu neuer Anziehungskraft.
