Der Aschermittwoch, die Münchner Sicherheitskonferenz und die Atombombe: Vom Ernstfall und vom Ende der Dinge.

Von Heribert Prant

Die religiöse Mahnung an Aschermittwoch lautet so: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Gemeint ist mit diesem Spruch das mehr oder weniger natürliche Ende jedes Menschen. Das Ende bei einem Einsatz von Atombomben sieht anders aus. Da zerfällt nicht alles zu Staub, auch im Hypozentrum nicht. Dort sind Temperatur und Strahlung so extrem, dass Mensch und sonstige Materie verdampfen oder zu einer glasartigen Masse verschmelzen. Die Rückkehr zum Staub hat also bei einem Einsatz von Atombomben eine andere Dimension.

Die eschatologische Dimension, die dem Aschermittwoch in der Religion innewohnt, war soeben in der Politik schon ein paar Tage früher spürbar: bei dem Ereignis, das Münchner Sicherheitskonferenz heißt. Die Reden und Diskussionen dort zeigten, dass sich Europa wegen der Unsicherheiten und Irrationalitäten der Politik des US-Präsidenten Donald Trump, der internationale Verträge und Sicherheitszusagen nicht einhält, gar nicht mehr mit dem „Ob“, sondern mit dem „Wie“ atomarer Abschreckung befassen will. Dabei wurde und wird freilich davon ausgegangen, dass Atommächtigkeit vor Angriffen schützt, dass eine deutsch-europäische Atommächtigkeit also abschreckt. Ob das stimmt? Erhöhen sich so womöglich die Eskalationsrisiken, statt sie zu verringern?

Als die weißen Tauben noch nicht müde waren

Politische Abrüstungsinitiativen gibt es nicht mehr. Und Rüstungskontrollverhandlungen sind nicht in Sicht. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie „Ohne Rüstung leben“ oder die „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“ haben kaum Echo in der Politik. Sie fristeten eher ein Schattendasein am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz.

Das war vor Jahrzehnten anders. Der Atomwaffensperrvertrag, den die Bundesrepublik unter Kanzler Willy Brandt unterschrieben und unter Helmut Schmidt ratifiziert hat, und der Zwei-Plus-Vier-Vertrag, mit dem Deutschland auf die Herstellung und den Besitz atomarer Waffen und die Verfügungsgewalt über sie verzichtet hat, sind fast wie aus einer anderen Welt. Es war eine Welt, in der die weißen Tauben noch nicht müde und die Demonstrationen für Rüstungskontrolle und Abrüstung noch großmächtig waren. Aber: Die Waffenarsenale sind nach einer kurzen Epoche der Abrüstung weiter gewachsen, ihr Zerstörungspotenzial ist unermesslich. Die Gefahr eines nuklearen Infernos ist so nah wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Frieden ist der Ernstfall

„Was ist der Ernstfall?“, so hat 1969 ein Bundespräsident, es war Gustav Heinemann, in seiner Antrittsrede gefragt. Und er gab folgende Antwort: „Nicht der Krieg ist der Ernstfall (…), wie es meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den Schulbänken lernte, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr.“

Das war eine spektakuläre Rede in der Zeit des Kalten Kriegs; und wenig später bestätigte eine fundamentale wissenschaftliche Studie Carl Friedrich von Weizsäckers mit dem Titel „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“, dass in einem Atomkrieg in Mitteleuropa alles zerstört würde, was hätte verteidigt werden sollen; angesichts solcher Perspektiven sei nur noch eine Politik der Kriegsverhinderung verantwortbar. Das war richtig – aber: Die Verhinderung ist nicht gelungen. In der Ukraine ist daher seit fast vier Jahren der Krieg der ernste Ernstfall. Und die Frage ist, wie man vom real existierenden Ernstfall wieder zum gewünschten Ernstfall kommt. Mit exzessiver Aufrüstung wohl kaum.

Rita Süssmuth, die soeben verstorbene langjährige Bundestagspräsidentin, die in der übernächsten Woche mit einem Trauer-Staatsakt geehrt werden wird, hat deshalb vor einem knappen Jahr in einem Interview mit der Zeit – wider ihre Natur fast resigniert – gesagt: „Wir haben nichts gelernt. Wir tun so, als gehörte der Krieg zur Schöpfung. Männer drücken durch Krieg ihre Macht aus. Dabei ist er Ausdruck der Ohnmacht. Wenn uns nichts Besseres einfällt, als Krieg zu führen, sind wir auf dem Weg der Vernichtung – statt Schutz und Erhalt des Geschaffenen.“

Und auf die Frage, was auf dem, Spiel steht, antwortete sie sehr ernst: „In einem Wort: Wir. Die Welt ist aus der Balance. Wie lange wir diesen Planeten noch bewohnen können, wissen wir nicht. Die Frage, wer wen mit Atomwaffen bedrohen kann, brennt wieder hoch. Vielleicht bringt die Menschen nur eine noch tiefere Untergangsstimmung endlich zur Vernunft.“

Eine Atombombe ist keine Verteidigungs-, sondern eine Angriffswaffe. Bei einer europäischen Atombombe ist das nicht anders. Wenn sie zum Einsatz kommt, vernichtet sie alles – auch das, was sie schützen soll. Besinnen wir uns auf die Vernunft, an die Rita Süssmuth appelliert hat.


 

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