Warum der Vorwurf der „Lügenpresse“ falsch ist. Und warum es trotzdem idiotisch ist, die Kritiker pauschal für Idioten zu erklären.
Von Heribert Prant
Wissen Sie noch, was ein „Querdenker“ war? Oder ein „Covidiot“? So wurde tituliert, wer sich in der Corona-Zeit nicht daran gewöhnen wollte, dass massivste Einschränkungen der Grundrechte zu den Bewältigungsstrategien der großen Krise gehörten. Der sogenannte Querdenker wurde gelegentlich auch in eine Reihe mit Rechtsextremisten gestellt, die sich damals die Grundrechte, die sie sonst verachteten, auf einmal wie einen Tarnanzug überzogen. Das Wort „Verschwörungstheoretiker“ wurde zu einem Diskussions-Totschlagwort, mit dem denen, die in der Corona-Krise anderer Meinung waren, der Mund gestopft werden sollte. Und wer zu oft „Verfassung“ sagte, machte sich verdächtig.
Grundrechte heißen aber deswegen Grundrechte, weil sie sich gerade in Notzeiten grundlegend bewähren sollen. Demokratie lebt von mündigen Bürgerinnen und Bürgern und vom permanenten Aushandeln von Kompromissen – die im Fall Corona auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten, aber alle anderen Interessen, Bedürfnisse und Notwendigkeiten auch in den Blick zu nehmen hatten.
Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind, wie die geisteswissenschaftlichen auch, meist nicht völlig eindeutig; sie unterliegen einem Wandel und unterschiedlichen Einschätzungen. Eine Politik, die, um diese unterschiedlichen Einschätzungen abzublocken, Angst und Panik schürte, war kontraproduktiv. Eine Politik, die behauptete, die Anti-Corona-Maßnahmen seien allesamt „alternativlos“, war undemokratisch. Und Medien, die so etwas propagierten, waren es leider auch. Ich denke, ich hoffe, die Medien haben seitdem gelernt, die seriösen zumindest: beim Hantavirus und jetzt bei Ebola habe ich den Eindruck, dass sie aufklärerisch am Werk sind.
Es kann gefährlich sein, den Protest der Presse-Protestierer pauschal zu verachten
Welche Antworten auf eine innere oder äußere Krise auch immer gesucht und gefunden werden (und das galt in der Corona-Krise und das gilt heute im Vorspannungsfall des Ukraine-Kriegs): Das Suchen und Finden darf kein autoritäres Suchen und Finden werden; es muss ein demokratisches Suchen und Finden bleiben. Es muss mit dem Wissen einhergehen, dass es immer eine Vielzahl von Stimmen und Alternativen, dass es den mühsamen Weg des Hörens, Verstehens und Aushandelns gibt. Nicht nur die Bekämpfung einer Bedrohung ist das Ziel; auch der Weg dahin ist das Ziel – nämlich die Gesundheit der Demokratie und den gesellschaftlichen Ausgleich zu bewahren.
Das gilt auch dann, wenn Menschen auf Demos und Diskussionen in Sorge um den inneren oder äußeren Frieden schiefe Vergleiche ziehen und von einer angeblichen Autokratie in Deutschland fabulieren, wenn sie nicht mehr Regierung oder der Regierungskoalition, sondern von einem „Regime“ reden – und wenn sie die Medien pauschal als „Lügenpresse“ titulieren. Der Eifer und das (oft auch falsche) Gefühl der Protestierer, gegen einen mächtigen Mainstream zu stehen, führt so zu böser und geschichtsblinder Übertreibung. Das schadet dem Protest.
Aber es kann trotzdem gefährlich sein, diesen Protest pauschal zu verachten. Wer dauernd Idiot genannt wird, fängt womöglich an, einer zu werden: stur und trotzig, irrational und unsozial. Die Lügenpresse-Protestierer pauschal zu Idioten zu erklären, ist daher idiotisch.
Man kann stattdessen den Presse- und Medienkritikern immer und immer wieder den Unterschied zwischen Kommentar und Meinung erklären, man kann immer wieder prüfen, ob Meinungskorridore zu eng sind (wie es wohl im Ukraine-Krieg der Fall ist) – und man kann und muss Fehler, die natürlich passieren, zugeben und korrigieren. Man kann und muss immer wieder sagen, dass ein Kommentar nicht Propaganda ist, sondern eben ein Kommentar. Und wenn ein Kommentator offen und deutlich, konzentriert und pointiert seine Meinung sagt und schreibt, ist er kein Manipulator, sondern eben ein Kommentator.
Sechs Bratwürste mit Kraut und Kritik
Als ich vor einiger Zeit in meiner Lieblingsstadt Regensburg in der Historischen Wurstkuchl an der Steinernen Bücke in Regensburg (dieses kleine Wirtshäusl gilt als die älteste Wurstbraterei der Welt) sechs Bratwürste mit Kraut verzehrte, kam ein anderer Gast ziemlich böse auf mich zu und giftete: „Schreiben Sie doch endlich die Wahrheit!“ Ich hätte ihm gern gesagt, dass ich genau zu diesem Zweck Journalist geworden bin – und dass es nicht unwahr ist und schon gar nicht eine Lüge, wenn ich eine ganz andere Meinung vertrete als er. Er war wahrscheinlich einer von denen, die gern von der Lügenpresse reden, und rechnete mich dazu. Aber die Gelegenheit, ihn das fragen und dann darauf zu antworten, hatte ich nicht, weil er eilends davonstürzte.
Ich bin es eigentlich nicht gewohnt, dass mich die Leute auf der Straße oder im Gasthaus negativ angehen. Die allermeisten Passanten, die mich als Journalist erkennen und ansprechen, sind freundlich und zugewandt. Aber dieser Kritiker hinterließ mich sinnierend über meinen Bratwürsten. Wahrheit, welche Wahrheit?
Das ist eine Urfrage, die nicht erst in der Corona-Krise virulent geworden ist – aber dort wurde sie immer wieder gestellt, dort wurde unnachgiebig darüber gestritten, wo und auf wessen Seite die Wahrheit ist. In den Hochzeiten der Krise hat sich der Graben zwischen Befürwortern und Kritikern der einschneidenden Anti-Corona-Maßnahmen tief durch Familien, Freundschaften und Akademien gezogen. Und jeder redete und redet von Wahrheit. Jede Seite nimmt für sich in Anspruch, die Wahrheit zu sagen und sie auf ihrer Seite zu haben. Und bei der Frage, wie der Ukraine-Krieg beendet und wie künftig mit Russland umgegangen werden soll, ist es ähnlich.
Was die Gesellschaft vom Journalismus erwartet
Was ist Wahrheit? Weil die Frage eine Urfrage ist, muss man bei der Antwort ein wenig ausholen. Damit sind wir nämlich, so schnell geht das, bei Pontius Pilatus und der Bibel – bei einer Frage, die Theologen, Journalisten und Juristen seitdem gleichermaßen umtreibt. Pilatus hat mit dieser Frage auf die Auskunft von Jesus reagiert, dass er in die Welt gekommen sei, um „Zeugnis für die Wahrheit“ abzulegen. Pilatus sagt darauf „Was ist Wahrheit?“ – und wendet sich ab, ohne eine Antwort abzuwarten. Was klingt hier an? Ein müder oder ein spöttischer Skeptizismus? Desinteresse? Abgeklärtheit? Zynismus? In diesem Dialog treffen zwei Verständnisse von Wahrheit aufeinander.
Das altgriechische Verständnis der Wahrheit ist „das Unverborgene“. Das biblische Verständnis dagegen rührt aus einer ganz anderen Vorstellung: Wahrheit gehört im Hebräischen zur Gruppe der Wörter, die das Begriffsfeld Vertrauen und Treue beschreiben. Es bedeutet Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Vertrauenswürdigkeit. Es ist ein Beziehungsbegriff. „Zeuge der Wahrheit“ sein – das erwartet die Gesellschaft von den Medien, von den Journalistinnen und Journalisten. Die Gesellschaft erwartet zuallererst, dass Journalisten das Verborgene aufdecken, dass sie den Teppich wegziehen, unter den Skandalöses gekehrt worden ist. Der Journalismus soll dubiose Waffengeschäfte enthüllen, er soll aufdecken, wo Reiche und Mächtige ihr Geld verstecken, um Steuern zu sparen, er soll politische Lüge und Korruption aufspüren. Die Wahrheit soll ans Licht.
Als, zum Beispiel, die Panama Papers veröffentlicht wurden (was dann zu umfangreichen und weltweiten Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung und sonstigen Betrügereien gegen Politiker und sonstige Prominente führte), war das so eine Licht- und Sternstunde. Diese Aufdeckungsarbeit aber ist nicht alles. Aufdeckung geschieht nicht um der Erregung, sondern um der Treue zu Demokratie und Rechtsstaat willen. Die journalistische Wahrheitssuche muss mit Neugier, Urteilskraft und Integrität betrieben werden, sie muss in Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Vertrauen eingebettet sein. Das ist ein journalistisches Credo. Und wenn das so ist, wenn der Journalismus sich darum bemüht, dann muss man nicht bange sein, was dessen Zukunft betrifft – auch nicht in Zeiten der KI.
