Der surreale Futurismus, die Euphorie über den Billionen-Börsengang von Space-X des Elon Musk – und was der verstorbene Kollege Hermann Unterstöger im Streiflicht davon gehalten hätte.
Von Heribert Prant
Die amerikanischen Tech-Milliardäre verdienen ihre Vermögen mit und auf digitalen Plattformen; sie kaufen Zeitungen auf wie Äpfel und haben Trump bei seiner Inauguration Beifall gespendet. Haben sie ausgesorgt? Sollte man meinen – es ist aber nicht so. In seinem Buch „Survival of the Richest“ gibt der US-Autor Douglas Rushkoff Auskunft über das Weltbild der Superreichen. Er beginnt mit einer realen Begegnung: Fünf Tech-Milliardäre laden ihn in ein Luxusresort ein – nicht, wie er vermutet hat, um über Innovation zu sprechen. Nein, sie wollen unbedingt von ihm erfahren, wie sie den Zusammenbruch der Zivilisation überleben können. Sie nennen es „das Ereignis“.
Diese Elite glaubt nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft der Menschheit. Sie sieht sich auch nicht mehr als Teil der Gesellschaft, sondern als kleine Gruppe der Überlebenden und beschäftigt sich mit Fluchtstrategien. Sie plant Marskolonien, auf die sie und ihresgleichen fliehen können, wenn die Erde unbewohnbar geworden ist; sie plant auch schwimmende Städte. Das Problem: Allein geht das am Ende doch nicht. Man braucht dazu Bedienstete. Sicherheitspersonal zum Beispiel. Aber in dieser apokalyptischen Angst-Welt gibt es nur Misstrauen. Wie kann man die Leibwächter im Ernstfall kontrollieren? So etwas überlegen sie vor den Augen und Ohren Rushkoffs und fantasieren von Disziplinarhalsbändern.
Von einem demokratischen Traum von Freiheit blieb eine libertäre Schrumpfform
Rushkoff zeigt, wie dieses „Mindset“ aus technokratischem Größenwahn, Angst und Entfremdung entstanden ist und warum es unsere Gesellschaft destabilisiert. Dabei hat ein großer Teil dieser gefährlich Verrückten einst mit dem Traum begonnen, das Internet und unbegrenzte Kommunikation könnten Freiheit und Demokratie verwirklichen. Geblieben sind eine libertäre Schrumpfform von Freiheit, eine im Kern inhumane, transhumanistische Chimäre und die Ersetzung von Demokratie durch Technologie.
Man möchte das als surrealen Futurismus auslachen. Aber diese Entwicklung ist in der Tat ein Grund zur gesunden Furcht. Elon Musk herrscht über einen Großteil der Satelliten und somit über den Zugang zu Kommunikation. Mit dem Department of Government Efficiency, einer Behörde für mehr Effizienz in der Trump-Regierung, hatte er Zugriff auf die sensibelsten Daten der USA erhalten und geholfen, die Administration zu zerschlagen.
Jeff Bezos hat in kürzester Zeit eines der wichtigsten Medien, die Washington Post, ruiniert. Mark Zuckerberg nimmt Standards zurück, die vor Gewalt, Hass und Fakes schützten. Peter Thiel, der Paypal- und Palantir-Gründer, lehnt Demokratie rundweg ab und begrüßt Wirtschaftsmonopole. Das sind einige beunruhigende Beispiele, die zeigen, wie wichtig der Widerstand der EU gegen die Deregulierung der Plattformen ist.
Mir sind die Reichen nicht zuletzt deswegen eingefallen, weil der Kollege Hermann Unterstöger sich so oft feinsinnig und bibelstark mit ihnen beschäftigt hat. Er hätte sich delektiert an der Euphorie über den Billionen-Börsengang von Space-X des Elon Musk. Und über dessen neue Dimensionen des Reichtums hätte er zu sagen gewusst, dass dem Reichen schon in der Bibel der Marsch geblasen wird, indem angeblich eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht, als er ins Himmelreich gelangt.
Hermann Unterstöger, der wunderbare Streiflichtschreiber der Süddeutschen Zeitung, ist vor einem Jahr gestorben; dies ist ein kleiner Text zur Erinnerung an einen, der einen Reichtum der anderen Art verkörperte, einen Sprachreichtum, einen Geistesreichtum, einen schier unerschöpflichen Reichtum an Anekdoten. Die Zeitung ist ein wenig ärmer geworden ohne ihn.
