Palmzweige für die Ukraine: Wo sind die Zeichen der Hoffnung?

Kommentar von Heribert Prantl

Die Legende vom Palmbaum stammt aus einer mittelalterlichen Sammlung von Heiligengeschichten. Immer und immer wieder ist sie gemalt worden: von Albrecht Altdorfer und von den italienischen Meistern Correggio und Caravaggio. Hans Baldung Grien hat sie auf dem Altar des Freiburger Münsters abgebildet, die Darstellung des flämischen Malers Anthonis van Dyck hängt in der Alten Pinakothek zu München: Man sieht einen Palmbaum, der sich, als Josef und Maria mit dem Jesuskind nach Ägypten fliehen müssen, herabbeugt, um seine Datteln pflücken zu lassen; und zwischen seinen Wurzeln lässt dieser Palmbaum eine Quelle sprudeln. Es ist das Osterbild für die Menschen, die fliehen müssen.

Lukas Cranach, der große Hofmaler in der Zeit Luthers, hat, weil er mit einer Dattelpalme nicht viel anfangen konnte, die Palme in einen Weidenbaum verwandelt. So oder so: Die Palmwedel versprechen neues Leben jenseits von Leid und Tod, sie spenden neue Kraft. Die Palmzweige sind uralte Zeichen der Hoffnung. Wo sind sie in der Ukraine? Wo ist die Hoffnung?

Eine ungeheure Hilfsbereitschaft der stillen Art

Bilder wie die vom Palmbaum haben die Menschen durch die Jahrhunderte begleitet; heute hängen sie in den Museen, sie müssen von Kunstführern erklärt werden. In den Video-Clips von heute gibt es keine sich verneigenden Palmen und keine Quellen, die zwischen den Wurzeln sprudeln. Flüchtlinge aber gibt es mehr denn je; Hunderttausende, Millionen von Menschen fliehen aus der von Putins Armee überfallenen Ukraine. Es gibt in diesen Wochen aber auch eine ungeheure Hilfsbereitschaft von der stillen Art, wie sie die genannten Bilder zeigten: Wir spenden nicht nur Geld, wir öffnen Kindergärten und Schulen für ukrainische Kinder, wir nehmen viele Geflüchtete in unsere Wohnungen auf, wir versuchen, den Geflüchteten, bei allen Schwierigkeiten, die es da gibt, ein neues Zuhause zu geben. Der deutsche Staat gewährt den Menschen aus der Ukraine eine Grundsicherung, die sich an Hartz IV orientiert. Es sind dies Osternester der Hoffnung für Menschen in elender Situation.

Aber wir sind irritiert und zerrissen von der Frage, wie und mit welchen Mitteln dieser Krieg beendet werden kann. Noch mehr Sanktionen gegen Russland? Es gab und gibt im Westen die Erwartung, dass diese Sanktionen eine Stärkung der Opposition in Russland bewirken. Aber sie treffen nicht nur Oligarchen, Autokraten und Kriegsverbrecher, sie treffen auch die Bevölkerung, und viele Menschen fühlen sich von den Sanktionsstaaten angegriffen und gedemütigt – und binden sich noch stärker an Putin als bisher.

Soll man auf einen Regimewechsel warten?

Humanitäre Interventionen? Das Wort ist bemakelt durch die Nato-Bombardements im früheren Jugoslawien. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat nun davon geredet, dass der Ukraine-Krieg Jahre dauern könnte. Das darf nicht sein. Gewiss, man kann der Ansicht sein, ein langer Krieg schwäche Putin auf Dauer und binde seine Kräfte, sodass ihm die Kraft fehlt, andere Staaten anzugreifen. Aber das würde Tote über Tote geben und die Ukraine schrecklich verwüsten; es würde dazu führen, dass diese Weizenkammer der Welt zerstört wird, dass Hungersnöte ausbrechen. Ich wünsche mir, dass Putin im Zuge von Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen die Invasion beendet.

Soll man auf einen Regimewechsel in Russland warten? Da kann man wohl lange warten. Und auf Putin werden keine Demokraten folgen. Ich wünsche mir, dass gegen Putin ein internationaler Haftbefehl ausgestellt wird – weil das die Geltung des Völkerrechts bestätigt. Putin ist dringend verdächtig des Verbrechens gegen die Menschlichkeit und des Verbrechens der Aggression; das sind Kerntatbestände des Völkerstrafrechts. So ein Haftbefehl ist ein wichtiges Symbol, aber damit ist noch keinem Opfer geholfen.

Politik ohne Moral ist unmoralische Politik. Ist’s so einfach?

Ich erinnere mich an eine Frage, die ich in meinen frühen Journalistenjahren dem damaligen Außenminister Klaus Kinkel forsch gestellt habe. „Wie viel Blut darf eigentlich“, so habe ich gefragt, „an den Händen eines Diktators kleben, dass sie ihm noch die Hand geben?“ Er hat geantwortet: „Das kommt darauf an“. Ich habe damals auf diese Antwort des Mannes, der seine politische Karriere als Büroleiter des legendären Hans-Dietrich Genscher begonnen hatte, mit zornigem Protest reagiert: „Politik ohne Moral“, sagte ich, „ist unmoralische Politik.“ Ich hielt das für einen sehr gelungenen Satz; aber ich frage mich heute, ob so ein Satz nicht vor allem der Selbstbefriedigung und der Selbstberuhigung dient.

„Das kommt darauf an“, sagte Kinkel damals. Worauf kommt es an? Es kommt darauf an, ob man und wie man einen Krieg verkürzen, ob man und wie man das Leiden der Menschen beenden kann. Wenn das gelingt, dann ist realpolitischer Pragmatismus ein pragmatischer Humanismus. „Selig, die Frieden stiften“ – der Satz stammt aus den Seligpreisungen des Matthäus-Evangeliums. Er hängt auf Plakaten und Transparenten an vielen Kirchen. Es ist der Osterspruch des Jahres 2022.

 


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