Gehört Gewalt zum Menschsein? Dazu ein fiktiver Streit auf literarischer Basis. Nachbetrachtung zu einem Großereignis.

Von Heribert Prant

Bei den grübelnden Nachbetrachtungen zur Münchner Sicherheitskonferenz stößt man auf zwei Theaterstücke – eines von Ernst Toller und eines von Bertolt Brecht. Das Theaterstück von Toller hatte 1936 am Gate Theatre in London Premiere. Das ist jetzt neunzig Jahre her, sein Titel war „No more peace“. Toller war ein deutscher Schriftsteller, Politiker und Revolutionär jüdischer Herkunft; sein Stück heißt auf Deutsch „Nie wieder Frieden“ und es spielt mit der Erfahrung, dass es leichter ist, Begeisterung für einen Krieg zu wecken, als die Begeisterung für den Frieden zu bewahren.

Dazu lässt Toller den pazifistischen Heiligen Franziskus und den bellizistischen Napoleon, der sich im Himmel langweilt, eine Wette schließen: Napoleon gewinnt. Und man legt dann noch das andere, berühmtere Stück von Bertolt Brecht daneben, „Die Dreigroschenoper“, 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt. In beiden Stücken geht es um die Fundamentalfrage, ob Gewalt und Gemeinheit zum Menschsein gehört. Die Antwort ist gespalten: einerseits ja, andererseits nein.

Wann der Mensch ein Mensch ist

Einerseits ja: Daher lässt Brecht in seiner Dreigroschenoper den charismatischen und skrupellosen Londoner Gangster Macheath, der als Gentleman-Verbrecher auftritt und als „Mackie Messer“ bekannt ist, folgende grausige Worte sagen: „Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich / Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. / Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich / vergessen kann / dass er ein Mensch doch ist.“

Andererseits nein: Zum Menschen als Menschen gehört auch das Gegenteil, nämlich dass er nicht allein seinen Aggressionen folgt, dass er sich besinnen kann, dass er auf den Schlag, auf den Hieb, auf den Schuss, auf den Angriff, auf das Bombardement verzichten kann, dass er solidarisch sein kann und dass er über den Schatten seiner Gewaltbereitschaft springen kann. Franziskus könnte das, den Mackie-Messer-Text ins moralisch Positive wendend, so formulieren: „Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich / Den Menschen kleidet, aufnimmt, annimmt, rettet und schützt. / Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich / Dran denken kann, dass er ein Mensch doch ist.“

Das ist genauso wahr. Gewalt ist in einem mühevollen, zivilisatorischen Prozess eingehegt, gezähmt und geächtet worden. Das sogenannte Talionsprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist keine Aufforderung, dem anderen Augen und Zähne auszuschlagen. Es war keine Ermutigung, sich ordentlich zu rächen. Es war im Gegenteil ein gewaltiger Schritt dahin, Gewalt und Rache zu mäßigen. Demselben Ziel dienten und dienen später die Regeln für einen gerechten Krieg. Zur Gewalteingrenzung gehören in der Moderne die Erfindung der Menschenrechte, die Gründung der Vereinten Nationen und des Internationalen Strafgerichtshofs.

Die Geschichte der Menschheit ist also nicht nur eine Geschichte der Gewalt und der Kriege, sie ist auch eine Geschichte der Mühen, zu beherrschen und zu minimieren, was sich nicht abschaffen lässt – weil der Mensch ein Mensch ist: das Peinigen, Anfallen, Abwürgen und Fressen. Es ist keine vergebliche Mühe. Es hat Spuren hinterlassen – auch wenn immer wieder Autokraten und verbrecherische Politiker auftreten, die diese Spuren verwischen wollen. Es gilt, trotzdem auf der Spur zu bleiben. Das ist, das wäre der Sinn einer Sicherheitskonferenz. Zu ihr gehört es auch, sich dort klarzumachen, dass Sicherheit nicht nur durch militärische Szenarien entsteht. Es gehört also zu einer Sicherheitskonferenz, wenn sie denn mehr sein soll als eine Wehrkundetagung, über Gewaltprävention nachzudenken und über Versöhnungs- und Friedensarbeit.

Das Gehäuse der Zivilisation

Gewalt: In der Regel tötet kein Mensch in seinem Alltag seinen anderen so einfach auf einem Sommerspaziergang. Auch genügt dazu nicht der Befehl und nicht der Glaube, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Menschen haben Ekel und Angst, Blut zu sehen und zerstörte Körper, sie haben Abscheu vor Gewalt, ihnen wird schlecht davon. Es widert sie an, wenn sie zuschauen müssen, wie Menschen verletzt und gequält werden.

Gewiss: Für jede dieser Behauptungen lassen sich mühelos Gegenbeispiele finden. Das weltweite Netz stellt verschwenderisch Bilder zur Verfügung – von aufgepeitschten Massen und johlenden Meuten, die sich am Leid anderer vergnügen. Umso wichtiger ist es festzuhalten, dass das nur der weitaus kleinere Ausschnitt der Wirklichkeit ist; die allgemeine Alltagserfahrung ist eine andere.

Obwohl Aufklärung und Zivilisation ein gutes Gehäuse gebaut haben, in dem wir vor Gewaltausbrüchen geschützt sind, stürzt doch manchmal das Dach ein, wie das der Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma einmal formuliert hat. Er und der Soziologe Harald Welzer analysieren das in ihren Büchern. Diejenigen mit diesem Dachschaden, die Kriegsverbrechen und Blutbäder anrichten, sind keine blutrünstigen Sadisten. Sie sind aus der Mitte der Gesellschaft. Sie sind wie du und ich. Um fähig zu sein, Mitmenschen zu foltern und zu morden, müssen die Täter ihre Opfer erst zu „denen“ machen, die nicht „wir“ sind; sie müssen sie als Gefahr und Bedrohung ausmachen, die „aus gutem Grund“ nicht dieselben Reche haben. Es sind Menschen und keine Unmenschen, die die töten, die Kriege und Morde befehlen.

Es sind nicht Bestien, Berserker oder Aliens, in die das unerklärliche, metaphysisch Böse fährt. Dem, der ruft: „Das sind doch keine Menschen!“ – dem muss man erwidern: Doch, doch! Es handeln nicht Monster, es handeln Menschen, auch wenn sie unmenschlich sind. Wenn sie als „Monster“ bezeichnet werden, ist das ein Ausdruck von Entsetzen, Fassungslosigkeit und auch Hilflosigkeit. Man muss so einer Bezeichnung widersprechen, weil sie reales Handeln fiktionalisiert. Sie ist keine Erklärung und keine Aufklärung.


 

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