Als Kanzler war Adenauer „der Alte“ und eine lebende Legende. In seinen jungen Jahren war er ein genialischer Oberbürgermeister. Eine Laudatio zum 150. Geburtstag auf den Mann, der im Rathaus lernte, was er später als Staatsmann brauchte.
Von Heribert Prant
Er war alt und so hieß er auch – damals, als er die Bundesrepublik aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs aufbaute und ins Wirtschaftswunder führte: Er war „der Alte“. Beim Amtsantritt als Bundeskanzler war Konrad Adenauer 73 Jahre, bei seinem Rücktritt nach 14 Jahren Kanzlerschaft war er 87 Jahre alt. Aber dieser Alte war Jahrzehnte vorher, vom Ende des Deutschen Kaiserreichs an, ein junger und erfolgreicher, ein innovativer, ja ein genialischer Kommunalpolitiker gewesen.
Mit 41 Jahren war er Oberbürgermeister in seiner Geburtsstadt Köln geworden, damals der jüngste OB in Deutschland. Und er war Kölner Stadtoberhaupt geblieben die ganze Weimarer Republik hindurch, ohne Unterbrechung, bis zu seiner Absetzung durch die Nationalsozialisten „wegen nationaler Unzuverlässigkeit“ im Jahr 1933. Er hat in dieser Zeit seine Geburtsstadt Köln so modern gemacht, wie sie später nie mehr war. Adenauer hat 16 Jahre lang im Rathaus Köln gelernt, was er später als großer Staatsmann brauchte: Krisenmanagement. Als erster bundesdeutscher Kanzler profitierte er davon. Am Montag könnte er seinen 150. Geburtstag feiern.
Bewaldung und Belebung
Er navigierte die Stadt friedlich durch die Revolution und die Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg, er stärkte die regionale Wirtschaft und die kommunale Infrastruktur. Er betrieb die nachhaltige städtebauliche Neugestaltung Kölns: Der Friedensvertrag von Versailles verpflichtete Deutschland dazu, die preußischen Festungsanlagen zu zerstören; Adenauer führte das aus, er wehrte in Köln aber die Immobilienspekulanten ab und machte die frei werdenden Flächen zu Erholungsanlagen für die Bevölkerung – er baute einen dreißig Kilometer langen Grüngürtel. Die Arbeiten ließ er von Arbeitslosen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ausführen, die er auf diese Weise in Lohn und Brot setzte.
Er machte Köln zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum zwischen Berlin und Paris. Gustav Stresemann, damals Außenminister der Weimarer Republik, schrieb 1925 nach einem Besuch in Köln beeindruckt in sein Tagebuch: „Die Oberbürgermeister des heutigen Deutschlands sind in Wirklichkeit neben den Großindustriellen die Könige der Gegenwart.“ Das Musterexemplar eines solchen kommunalen Königs war Konrad Adenauer.
Vater der ersten Autobahn
Er besorgte 1919 die Neugründung der Universität zu Köln; die alte Universität, 1388 gegründet, war 1798 von der französischen Besatzungsmacht geschlossen worden. Diese Wiederbegründung der Universität war ein Prestige- und Symbolprojekt wie die Wiedereröffnung der Messe Köln. Diese Wiedereröffnung wurde 1924 zu einem Triumph, der die parallel stattfindende Leipziger Messe weit überflügelte. Adenauer betrieb erfolgreich die Ansiedlung der Ford-Werke, nämlich ihren Umzug von Berlin nach Köln. Nach dem Abzug der britischen Besatzungstruppen ließ er den Flughafen Butzweilerhof im Norden von Köln ausbauen, der 1911/12 als militärische Flugstation errichtet worden war. Dort wurde 1926 der planmäßige Flugverkehr eröffnet; der Flughafen wuchs dann in der Zwischenkriegszeit zum „Luftkreuz des Westens“; 1957 wurde er vom neuen Großflughafen Köln-Bonn, dem heutigen Konrad-Adenauer-Flughafen abgelöst.
Adenauer wusste früh um die Bedeutung moderner Verkehrssysteme für die wirtschaftliche Entwicklung. Mit ihm lernte Köln, groß zu denken. Das zeigte sich bei seinem Engagement für den Flughafen, das zeigte sich bei seinem Engagement für die Autobahn. Er wusste, „wie die Straßen der Zukunft aussehen“. Mit diesen Worten übergab er im August 1932 die Autobahn Köln-Bonn dem öffentlichen Verkehr – ein Pionierprojekt im deutschen Straßenbau. Zur Einweihung waren zweitausend Autofahrer aus ganz Europa zu einer „Sternfahrt“ angereist. Der NS-Mythos, wonach Adolf Hitler die erste öffentliche Autobahn Deutschlands gebaut habe, ist falsch. Politischer Initiator, Planer und Zeremonienmeister bei der Eröffnung der ersten „Nur-Automobilstraße“ in Deutschland war der Jurist Konrad Adenauer. Die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) in Berlin war zwar früher fertig, sie war aber nicht dem öffentlichen Verkehr gewidmet, sondern eine Rennstrecke.
„Man darf despotisch sein, wenn man fleißig ist“
Im Kölner Rathaus hat Konrad Adenauer gelernt, dass Administration, also die Verwaltung, das tägliche Brot der Politik ist; dass man so manche politische Schlacht einfach durch Kenntnis der Verfahrensfragen und durch überlegene Handhabung der Geschäftsordnung gewinnt; und dass überall, wo Parlamente tagen, die Kunst der Menschenbeeinflussung und die Arithmetik der Mehrheiten unschätzbare Hilfsmittel sind. Und: „Dass man despotisch sein darf, wenn man fleißig ist; dass man, um wirtschaften zu können, Kredit braucht; dass es aber Kredit nur gibt, wenn man Vertrauen genießt und Sicherheiten zu bieten hat.“ So hat Wilhelm Emanuel Süskind, damals leitender politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung, 1956 den damaligen Kanzler Adenauer zu dessen achtzigsten Geburtstag trefflich beschrieben.
Als Kommunal- und Regionalpolitiker war Adenauer vor hundert Jahren ein urban innovator, ein Neuerer, ein Reformer – ein Image, das im Kontrast steht zu seinem Ruf als konservativer Traditionalist, den er Jahrzehnte später als Kanzler hatte. Er ermöglichte 1924/25 durch ein Grundstückstauschgeschäft den Bau des Hansahochhauses durch den Architekten Jacob Koerfer im Baustil des Klinkerimpressionismus. Adenauer hatte, wie er dem Architekten versicherte, „besonderes Interesse“ an diesem Bau und äußerte die Hoffnung, „dass Ihr Wagemut Erfolg haben wird“. Das Hochhaus war – nach einer Bauzeit von nur 135 Arbeitstagen – für kurze Zeit das höchste Haus Europas. Beim Bau der Mülheimer Brücke setzte Adenauer 1927, gegen seine eigene Fraktion und mit den Stimmen der gegnerischen KPD-Fraktion, eine futuristische Hängebrücke durch.
Nach Abzug der britischen Besatzungstruppen waren die Kasernen an der Boltensternstraße im Stadtteil Riehl frei geworden: Adenauer betrieb deren Umbau in die „Riehler Heimstätten“, zu einer der großen Alten- und Altenpflegeeinrichtungen in Deutschland – damals, 1927, mit 800 altersgerechten Wohnungen, 550 Altenheimplätzen und 800 Krankenheimplätzen. Um das zu bewerkstelligen, hatte er die sozialdemokratische Sozialreformerin Hertha Kraus aus Brandenburg nach Köln geholt.
Hertha Kraus war eine in Prag geborene Jüdin, die sich den Quäkern angeschlossen hatte. Sie wurde auf Adenauers Betreiben im Alter von erst 26 Jahren Deutschlands jüngste Stadtdirektorin und Leiterin des neu geschaffenen Kölner Wohlfahrtsamtes, stellte die Armen- und Arbeitslosenfürsorge auf neue Beine. Sie führte die Barauszahlung von Sozialhilfen ein anstelle der Abgabe von Naturalien, verwandelte leer stehende Kasernen in Wohnquartiere mit Kindertagesstätten. Adenauers Kommunalpolitik war die Verbindung von sozialer Fürsorge mit Wirtschaftsförderung – beides professionell betrieben. Das war eine kommunalpolitische Pfadfinderei.
Der pflichtbewusste Kapitän McWhirr
Es heißt, Adenauer habe während seiner Verfolgung durch das NS-Regime Trost in der Erzählung „Taifun“ von Joseph Conrad gefunden. Hauptfigur dieser Erzählung ist der Kapitän McWhirr, den Conrad als wortkargen, sachlich-pflichtbewussten Kapitän zeichnet, der seinen Dampfer im südchinesischen Meer durch die Hölle des Wirbelsturms steuert, der Zug um Zug das Richtige tut, pflichtbewusst und mit spröder Nüchternheit. So mag sich Adenauer als Kanzler und Krisenlenker gesehen haben. Das Rüstzeug dafür hat er sich als Kölner Oberbürgermeister geholt.
