Onkel Toms Hütte und der Trump-Tower: Die moralische Republik der Harriet Beecher Stowe und die nationalistische Festung des amtierenden US-Präsidenten.

Von Heribert Prant

Was sagt Ihnen der Name Harriet Beecher Stowe? Ihr einst weltbewegender Roman ist schon alt, er heißt „Onkel Toms Hütte“; er wurde 1852 publiziert und gilt als eines der einflussreichsten Werke der Weltliteratur. Er spielt in den US-Südstaaten vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, ist eine schonungslose und tränenreiche, eine hochemotionale literarische Brandrede gegen die Sklaverei und hat ganz wesentlich dazu beigetragen, sie in den USA abzuschaffen. Die Autorin ist also eine Schriftstellerin, die die Welt besser gemacht hat. Mit dem heutigen US-Präsidenten Donald Trump teilt sie daher nichts – nur das Geburtsdatum.

Beide sind an einem 14. Juni geboren – Harriet Beecher Stowe im Jahr 1811, Donald Trump im Jahr 1946. Obwohl mehr als ein Jahrhundert und obwohl völlig verschiedene Lebensrealitäten zwischen ihnen liegen, eignen sich diese beiden Menschen gut, um die verschiedenen Seiten Amerikas zu beschreiben und die konträren Visionen für die Vereinigten Staaten darzustellen. Zwei Geburten, zwei Amerikas: Das Stowe-Amerika ist eine moralische Republik, das Trump-Amerika eine nationalistische Festung. Der 14. Juni 1811 steht für die Nation einer reformerischen Ethikerin, die für Gerechtigkeit kämpft; der 14. Juni 1946 steht für die Nation eines Immobilienunternehmers, der Politik als Deal und Show betreibt. Und beide Amerikas argumentieren christlich oder nutzen evangelikale Argumente.

Die Ursünde Amerikas

Der Roman schildert zunächst die Zustände auf der Plantage des vergleichsweise humanen Sklavenhalters Mr. Shelby in Kentucky, der aus Geldnot gezwungen ist, den treuen Sklaven Tom und den kleinen Jungen Harry zu verkaufen. Tom gerät zunächst an einen gutherzigen Plantagenbesitzer, wird aber nach dessen Tod weiterverkauft und landet schließlich bei dem sadistischen Sklavenhalter Simon Legree, der ihn brutal misshandelt und totschlagen lässt, weil Tom sich weigert, entflohene Sklavinnen zu verraten. Tom wird dabei von der Autorin Stowe als frommer Märtyrer dargestellt, der sich in christlicher Nachfolge dem Leiden nicht entzieht, der für seine Peiniger betet und ihnen verzeiht. Der Sohn von Mister Shelby, dem ersten Eigentümer von Tom, kommt zu spät, um ihn freizukaufen, gibt aber danach die übrigen Sklaven der Familie frei, womit der Roman eine moralisch erlösende Geste setzt. Harriet Beecher Stowe hielt die Sklaverei für die Ursünde Amerikas.

Damals war der Roman ungeheuer wirksam, er war und ist ein historischer Schlüsseltext der Anti-Sklaverei-Bewegung. Europäische Beobachter, so etwa der britische Staatsmann und zweimalige Premierminister Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston, der die Außenpolitik des Vereinigten Königreichs im 19. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat, sahen in „Uncle Tom’s Cabin“ ein Werk von großer Staatskunst, das die moralische Position der Nordstaaten in der internationalen Öffentlichkeit gestärkt und es Großbritannien erschwert habe, offen aufseiten der Südstaaten zu intervenieren. Berühmt ist die Anekdote, US-Präsident Abraham Lincoln habe die Schriftstellerin Stowe 1862 mit den Worten begrüßt: „So you are the little woman, who wrote the book, that made this great war.“

Heute gilt „Onkel Toms Hütte“ freilich auch als ein Text, der negative Stereotype über Schwarze verbreitet hat: Der Roman sei zwar der bis dahin gängigen Darstellung schwarzer Menschen als faul und triebgesteuert entgegengetreten, habe dieses Bild aber durch das Narrativ vom unterwürfig duldsamen Schwarzen ersetzt. Auf diese Kritik stützten sich Petitionen, die – zum Beispiel in Berlin – die Umbenennung von Ortsbezeichnungen verlangten, die auf „Onkel Toms Hütte“ lauten. Damals, im 19. Jahrhundert, hatte das Buch dieses Titels aber erst einmal ungeheuere sklavenbefreiende Kraft.

Moral als Stärke

Harriet Beecher Stowe steht daher für ein Amerika der sozialen Verantwortung, für ein Amerika, das durch Mitgefühl und durch die Überwindung von Grenzen (race, class, religion) zusammenwächst. Ihr Amerika ist ein Amerika des moralischen Idealismus und des puritanisch-christlichen Gewissens, ein Amerika, das sich seinen eigenen Defiziten, Sünden und Verbrechen stellt. Sie steht für ein Land, das bereit ist, das Leid anderer als das eigene zu begreifen, und das sich für die Rechte der Schwachen und der Schwächsten einsetzt. Stowes Amerika ist ein moralisch grundiertes, abolitionistisches Reform–Amerika. Wie konnte aus dem Amerika Harriet Beecher Stowes, das die Sklaverei skandalisierte, das Amerika werden, das Trumps diskriminierende Politik unterstützt?

Moral als Schwäche

Das Trump-Amerika ist ein nationalistisch-populistisches Amerika, das sich an Macht und Ressentiments orientiert und diese Ressentiments offen politisiert. Das Trump-Amerika bezieht seine Stärke nicht aus globaler Verantwortung, sondern aus der radikalen Verteidigung der eigenen Interessen, der eigenen Wirtschaft und dem, was als eigene Identität verstanden wird; moralische Erwägungen gehören nicht dazu; sie werden als Schwäche ausgelegt. Trumps Amerika steht für eine Gesellschaft und für eine Politik, in der das Recht des Stärkeren gilt, das inszeniert und gepriesen und für das der amerikanische Pioniergeist in Anspruch genommen wird.

Symbol für dieses Trump-Amerika sind die Käfig-Kämpfe, die Trump zu seinem achtzigsten Geburtstag als Großevent auf dem Südrasen des Weißen Hauses aufführen lässt. Veranstalter ist die Ultimate Fighting Championship (UFC), als deren Fan sich Trump bezeichnet und zu deren Chef Dana White er enge Beziehungen pflegt. „Mixed Martial Arts“ (MMA) heißt der sogenannte Sport, der von dieser Firma organisiert wird und bei dem Schläge, Tritte, Würfe und Hebel blutig kombiniert werden. Trump-Anhänger feiern das brutale Spektakel als Fest der Stärke. Die Kritik spricht von einer gladiatorischen Staatsästhetik – wobei man sich schon schwertut, die Vorführung von Brutalität als Ästhetik zu beschreiben. Es handelt sich um die Präsentation von zivilisatorischem Rückschritt.

Wenn es dagegen fast bis zuletzt keinen großen Aufstand und keinen lauten Aufschrei gab, war das weniger Ausdruck von Zustimmung als Symptom einer abgestumpften Demokratie. Ein Land, das sich an Kriegsbilder, an Massaker und Polizeigewalt gewöhnt hat, erkennt in der Arena vor dem Weißen Haus die neue Staffel einer Reality-Show.

 


 

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