Hans-Jochen Vogel zum hundertsten Geburtstag: Er konnte dicke und dünne Bretter bohren – mit Leidenschaft, Augenmaß und souveräner Pingeligkeit.

Von Heribert Prant

Andere Spitzenpolitiker beginnen ihre Laufbahn mit den Jahren der Fron und Pflicht – dann kommt die Kür. Bei Hans-Jochen Vogel (1926–2020) war es umgekehrt: Bei ihm kam erst die Kür in München und dann die Pflicht in Bonn und in Berlin. Diese Jahre waren für Vogel, so sagte das Willy Brandt über ihn, „eine Summe unverdrossenen Sich-Abrackerns“. Immer wenn es schwierig wurde für die SPD, immer wenn sie sich in ziemlich aussichtsloser Lage respektabel schlagen musste, rief sie nach Hans-Jochen Vogel – und der schlug sich auch immer respektabel, unter Aufbietung seiner altväterlichen Tugenden, die den Genossen manchmal auch ein wenig unheimlich waren.

Der aufrechte Sozialdemokrat war zwölf Jahre lang Oberbürgermeister in München, er war kurze Zeit Regierender Bürgermeister in Berlin, er war Bundesjustizminister, er war SPD-Chef als Nachfolger von Willy Brandt, er war Oppositionsführer im Bundestag, er war Kanzlerkandidat; 2020 ist er gestorben. Am kommenden Sonntag wird mit einem Großaufgebot an Rednern, Erzählern und Mosaiksteinlegern sein hundertster Geburtstag gefeiert, drei Stunden lang.

Der Karajan der Kommunalpolitik

„Um keine der Aufgaben, die ich nach meiner Münchner Zeit zu bewältigen hatte, habe ich mich beworben oder gar darum mit anderen konkurriert. Man war froh, dass ich dazu bereit war.“ In diesem Satz äußerte sich der spezifische Stolz Hans-Jochen Vogels (oder ist es ein kleiner Dünkel?) – nie intrigiert zu haben, nie egozentrisch gewesen zu sein.

Der brillante Jurist war 1960 mit nur 34 Jahren zum Münchner OB gewählt worden, seine Kollegen in den anderen europäischen Millionenstädten waren 25 bis 30 Jahre älter. Der „Vogel Hansi“ baute die U- und die S-Bahn in München, er bescherte dem Millionendorf die Fußgängerzone, er holte die Olympischen Spiele in die Stadt – und als er 1972 nach zwölf Jahren ausschied, kannten ihn 91 Prozent aller Bundesdeutschen, 95 Prozent aller Bayern und 96 Prozent aller Münchner. Er war eben einer, der sowohl tüchtig arbeiten, sich aber auch tüchtig in Szene setzen konnte. Was eigentlich dringlicher sei, fragte er in den Jahren des US-Apollo-Programms: „Drei Menschen 760 000 Kilometer weit pünktlich hin und zurück auf den Mond zu bringen – oder 760 000 Menschen zur Hauptverkehrszeit hin und zurück in einer Großstadt?“ Vogel war damals der Münchner Apollo.

In Bonn schlug Hans-Jochen Vogel erst einmal Abneigung entgegen

Willy Brandt hat den von den Kämpfen mit den Münchner Parteilinken entnervten „Karajan der Kommunalpolitik“ (so nannte ihn die Züricher Weltwoche) als Wohnungsbauminister nach Bonn geholt. Für Herbert Wehner war er das „weiß-blaue Arschloch“ – und die Knüppel und die Tritte, die Vogel in seiner Anfangszeit in Bonn spürte, gingen fast alle zurück auf den griesgrämigen großen Polterer. Wehner hatte nämlich eher Sympathien für die linken Dogmatiker in München, die Vogel das Bürgermeister-Leben sauer gemacht hatten; der Münchner Juso-Funktionär Rudolf Schöfberger hatte ihn, seiner schulmeisterlich-autoritären Attitüde wegen, gar „einen zweiten Strauß“ genannt. Überhaupt: Wehner mochte Vogel so wenig, wie früher August Bebel den bayerischen Sozialdemokraten Georg Heinrich von Vollmar gemocht hatte. Es war eine gut gewachsene, herzliche Abneigung, die dem Jochen Vogel in Bonn entgegenschlug.

Trotz alledem – weiterarbeiten!

Diese Abneigung drehte sich 1977 mit einem Mal um: Es war in der Zeit, als nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF fast täglich die Krisenrunde tagte – mit Kanzler Helmut Schmidt, Innenminister Werner Maihofer, Justizminister Hans-Jochen Vogel, mit Helmut Kohl und Franz Josef Strauß von der CDU/CSU-Opposition, mit Willy Brandt als SPD-Parteichef und Herbert Wehner als SPD-Fraktionschef. Als sich damals die Krisenstäbler erlaubten, auch das Undenkbare zu denken, als Franz Josef Strauß also vorschlug, mit denselben Mitteln wie die Terroristen zu arbeiten und inhaftierte RAF-Terroristen an die Wand zu stellen, und als selbst Willy Brandt begann, über die Einführung der Todesstrafe nachzudenken – da fanden Vogel und Wehner prinzipienfest in der strikten Ablehnung zusammen. Die Grundwerte und die Grundrechte waren für Wehner so unantastbar wie für Vogel. Danach steckte Wehner Jochen Vogel einen von ihm geschriebenen Zettel zu, den der bis zum Schluss seiner politischen Laufbahn bei sich trug: „Trotz alledem: Weiterarbeiten und nicht verzweifeln.“

4444 fette Tage; und dann die mageren

Was „Weiterarbeiten und nicht verzweifeln“ wirklich verlangt, das hat Hans-Jochen Vogel in seinem politischen Leben schier im Übermaß erfahren. Nach seinen zwölf fetten Jahren als unglaublich beliebter Münchner Oberbürgermeister von 1960 bis 1972 (4444 Tage waren es, hat jemand ausgerechnet, wahrscheinlich er selbst), kamen nämlich 22 oft recht dürre Jahre als Landes- und Bundespolitiker. Vielleicht war dieser Satz des Herbert Wehner für Vogel auch so etwas wie die politische Firmung durch einen Paten, der ihm vorgelebt hat, was es heißt, Diener der Partei zu sein.

Weiterarbeiten: Gearbeitet hat Hans-Jochen Vogel wie kaum ein anderer in dieser Partei – als wollte er an seiner eigenen Person noch ein letztes Mal zeigen, warum man diese SPD ein Jahrhundert lang Arbeiterpartei genannt hat. Er arbeitete mit pedantischer Lust, mit bürokratischer Genialität und elitärem Anspruch. Er brachte gestandene Abteilungsleiter und Staatssekretäre zum Weinen, weil sie seinem Tempo, seiner Akribie und seinem Wissensdurst nicht gewachsen waren. Vogel wäre ein guter Bundeskanzler geworden; das Schicksal hat ihm zugemutet, seine Partei in der Opposition führen zu müssen. Vor dreißig Jahren, zum siebzigsten Geburtstag, haben ihm Freunde und Weggefährten eine Festschrift geschrieben. Sie trägt den Titel „Gestalten und Dienen. Fortschritt mit Vernunft“. Es ist ein Titel wie von Vogel selbst.

Er wäre auch ein guter Bundeskanzler geworden

Weiterarbeiten, nicht verzweifeln, auch dann nicht, wenn die eigene Partei an den Prinzipien rüttelt: Wohl kein anderer Spitzenpolitiker hat sich mit dem Asylrecht so gequält wie er. Als fast alle führenden deutschen Politiker auf dem Asylrecht herumtrampelten, hielt er es in Ehren. Hans-Jochen Vogel hat es sich nicht leicht gemacht. Als so viele Sozialdemokraten der Faszination der einfachen Lösung erlagen – Grundgesetz ändern, Flüchtlingsproblem weg –, ließ er sich nicht blenden. Sorgenvoll schrieb er einen warnenden Brief nach den Rostocker Krawallen an Björn Engholm, seinen Nachfolger als Parteichef: „Der verhängnisvolle Eindruck entsteht: Es muss nur jemand Molotow-Cocktails schmeißen, und schon bewegt sich die Politik.“ Letztendlich war er es aber, der beim Asylsonderparteitag der SPD in Bonn den Ausschlag für die Änderung des Grundgesetzes gab. Vogel hat später oft erklären müssen, warum er für die Grundgesetzänderung geworben habe. Er wollte, sagte er, „das Auseinanderbrechen der SPD verhindern“. Diese Begründung hätte auch von Herbert Wehner stammen können.

Sein spätes Verständnis für Jugendprotest

In Berlin, als Bürgermeister und Oppositionschef, erlebte Vogel, was Saulus vor Damaskus erlebte: Beim erfolgreichen Versuch, die Hausbesetzer-Szene zu befrieden, gewann er ein neues Verständnis für den Jugendprotest. Derselbe Vogel, der in den Sechzigerjahren in München musizierende Jugendliche per polizeilichem Großeinsatz von der Straße hatte jagen lassen, war jetzt angetan von den Abgeordneten der Alternativen und Grünen im Schöneberger Rathaus; er schwärmte gar von deren „pfiffigen“ und „erfrischenden“ Einfällen.

„Man predigt mit der eigenen Lebensführung mehr als mit Worten“: Vogels knorrige Vorbildlichkeit war gut für Anekdoten, zumal seine Berliner Zeit voll ist davon. Sie begann auch gleich so pingelig-akkurat, dass selbst der Bund der Steuerzahler von „Wunderlichkeit“ reden müsste: Vogel, als Notkandidat für das Bürgermeisteramt 1981 nach Berlin gerufen, ignorierte am Flughafen den Dienstwagen, marschierte an den verblüfften Genossen vorbei mit einem ruppigen „Entschuldigung! Das steht mir noch nicht zu!“ und winkte einem Taxi. Mit der legendären Geschichte vom Feldbett neben dem Dienstzimmer, im geheimen Kommandoraum, auf dem Vogel zu nächtigen pflegte, hatte sein Sprecher Sepp Binder dem Bild-Zeitungsreporter ursprünglich einen Bären aufgebunden. Aber sie war zu schön, um nicht wahr zu sein.

Knorrige Vorbildlichkeit

Dienstwagen-Affäre? Putzfrauen-Affäre? Bei Vogel unvorstellbar. Auch das verband ihn mit Herbert Wehner. Vogels Akribie galt nicht nur den Akten und den Wiedervorlagen in den Klarsichthüllen – genauso akribisch war sein Verzicht auf die kleinste Vorteilsnahme. Sein Leben lang ist er nie, obwohl jedem Abgeordneten das zustünde, in der Business-Klasse geflogen, sondern immer, wie normale Menschen eben, in der Economy-Holzklasse.

„Selbstgefälligkeit in der Bescheidenheit“ attestierte einmal ein politischer Porträtist in der FAZ dem damaligen Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel. „Soll man Vernünftiges unterlassen, weil es als plakative Bescheidenheit aufgefasst werden könnte?“, sagte Vogel darauf. Er war kein Mann, der einen „Organizer“ brauchte; er war selber einer. Sein Leben hatte Struktur, hatte eine Lebensordnung – und die Lebensordnung begann bei der Tagesordnung, auch dann noch, als er, seiner Frau zuliebe, mit ihr ins Altersheim gezogen war, weil sie die Treppen in die schöne Münchner Altstadt-Wohnung in der Stolberg-Straße nicht mehr hinaufgehen konnte.

Weiterarbeiten und nicht verzweifeln: Das ist ein Satz, der, auf ein Plakat gedruckt, heute in allen Büros der SPD hängen müsste: Der Satz gilt angesichts der politischen Lage aber nicht nur für Sozialdemokraten. Er gilt für die ganze Gesellschaft.


 

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