Wer an Europa verzweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen. Das Gemetzel in der Ukraine dauert nun schon länger als der Erste Weltkrieg.

Von Heribert Prant

Das Gemetzel in der Ukraine seit dem russischen Großangriff im Jahr 2022 währt schon länger als der Erste Weltkrieg. Ein Ende ist nicht in Sicht. Man wünscht sich, dass an die Stelle der kommunikativen Brandbeschleunigung, die die militärische begleitet, eine kommunikative Beschleunigung der Friedensbemühungen treten könnte.

Mahnwachen, Manifeste, Friedensgebete und Aktionen mit weißen Fahnen haben den Boden für Frieden bisher leider nicht bereiten können, Wegweiser dahin sind nicht sichtbar. Weil Worte bislang versagt haben und versagen, setzt eine neue Aktion auf das Schweigen – auf „eine halbe Stunde Stille“ an den Gedenkstätten für die Kriegsopfer auf den Friedhöfen –, „weil Stille Schutz und Kraft gibt; weil stille Gespräche etwas anderes sind als Parolen“.

Es ist nicht Russlands Angriffskrieg, sondern Putins Angriffskrieg

Initiator der Aktion ist kein Verband, Initiatorin ist eine Privatperson – die Kölnerin Gerta Klaßen, unterstützt von Pax Christi und dem Versöhnungsbund. Der gemeinsame Nenner der Menschen in Stille soll sein: „Das Wissen um die Schrecken von Krieg und Gewalt und um die Schönheit, Zerbrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit des Lebens.“ Die Trauer um Kriegstote gehört zur Familiengeschichte der Initiatorin: drei Onkel von ihr sind am Ende des Zweiten Weltkriegs mit 17, 20 und 21 Jahren gestorben und in Soldatengräbern im Apennin in Italien, in der französischen Normandie und an der niederländischen Grenze begraben.

Nach der ersten dieser sonntäglichen Friedhofs-Schweige-halben-Stunden am 16. August sind die nächsten am 4. Oktober und am 15. November geplant, auf Friedhöfen in deutschen Städten. Es geht um „eine stille Stellungnahme gegen den Kriegswahnsinn“, sagt die Initiatorin. Es geht um die Kraft der Stille.

Jean-Claude Juncker, der ehemalige Kommissionspräsident der EU, hat unlängst im Deutschlandfunk-Interview erzählt, dass er im Urlaub oft zu den Kriegsgräbern auf den Friedhöfen geht und dort die Namen und die Geburtsdaten liest: „Wer an Europa zweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Vielleicht sind diese Orte der Stille auch die Orte für die Wiederbelebung alter Träume, für die nach Ansicht von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier heute kein Platz mehr ist.

Steinmeier meinte damit vor allem Michail Gorbatschows Traum vom gemeinsamen Haus Europa. In seiner Rede, es war zum Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2022, also nach Putins Überfall auf die Ukraine, stellte Steinmeier fest: „Unsere Länder stehen heute gegeneinander.“ Russlands Angriffskrieg habe Gorbatschows Traum „zertrümmert“.

Es ist nicht Russlands Angriffskrieg, sondern Putins Angriffskrieg. Und der Traum vom Haus Europa war nicht nur Gorbatschows Traum, sondern der von so vielen, auch von Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker, auch von Willy Brandt, von denen, die den Zweiten Weltkrieg noch mitgemacht hatten. Darf man sich diesen Traum, auch wenn er jetzt ein sehr ferner Traum ist, von einem Putin nehmen lassen? Darf man das Haus Europa als Ruine auf ewig betrachten? Braucht es diesen Traum vom Haus Europa nicht zumindest als ganz fernes Ziel?

Moskau gehört zu Europa

Das Nachdenken über eine Friedensordnung in Europa jenseits des Krieges ist unverzichtbar. Dieses Nachdenken beginnt mit dem Gedanken, dass Moskau zu Europa gehört. Man kann und darf die europäische Geografie, die europäische Geschichte und die europäische Kultur nicht kastrieren und verstümmeln. Die Probleme auf dem Kontinent verschwinden nicht damit, dass man sich Russland aus Europa wegdenkt. Wenn man das versuchte, würde man in geraumer Zukunft schon wieder sagen müssen: „Wir haben uns geirrt.“ Die Geografie lässt sich nicht ausblenden, die gemeinsame europäische Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen auch nicht. Die schwierige Suche nach einer gesamteuropäischen Friedensordnung kann und darf daher nicht als sinnloses Unterfangen bezeichnet werden – schon deswegen nicht, weil jeder andere Weg so gefährlich ist, dass er an ein Zeitenende führen kann.

Der Begriff „kollektive Sicherheit“, der auch im Grundgesetz steht, meint, dass Sicherheit nur gemeinsam und nicht gegeneinander zu haben ist. Es geht um das Zusammenleben in Europa. Wir dürfen uns nicht an eine Verfinsterung Europas gewöhnen. Die historische Leistung der EWG, der EG, der EU war es, die Feindschaften von gestern und vorgestern zu entfeinden. Heute gilt es, die Feindschaften von heute zu entfeinden. Ich wünsche mir und uns allen, dass es Europa gelingt, einen Frieden in der Ukraine einzufädeln.

 


 

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