Es gibt Politiker, die in Notzeiten über sich hinauswachsen – und solche, die abstürzen. Kai Wegner in Berlin gehört zu Letzteren.

Von Heribert Prant

Auszeiten zur Unzeit haben schon so manche politische Karriere beendet. Die von Rudolf Scharping zum Beispiel, der sich im Swimmingpool ertüchtigte und das mit Turteleien vor der Kamera verband. Scharping war dazu für eine Fotostrecke der Illustrierten Bunte zusammen mit seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati nach Mallorca geflogen. Das war im Sommer 2001. Scharping war damals der amtierende Bundesminister der Verteidigung. Gleichzeitig bereiteten sich deutsche Soldaten auf einen gefährlichen Einsatz auf dem Balkan vor und unterlagen einem Urlaubsverbot. Mit dieser Mallorca-Affäre begann Scharpings Autoritätsverfall, der ein Jahr später in seiner Entlassung als Verteidigungsminister endete.

Auszeit zur Unzeit

Die Auszeit von Kai Wegner, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, dauerte nicht tagelang wie die von Scharping – sie dauerte nur kurz. Er fuhr am Samstag, wenige Stunden nach Beginn des großen Blackouts in seiner Stadt, des längsten Stromausfalls in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zum Tennisspielen mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin. Er erläuterte das dann Tage später so: „Ich musste abschalten, ich musste herunterkommen. Ich musste meine Gedanken fassen und ordnen.“ Erst am Sonntag, also am zweiten Tag des Stromausfalls, ließ er sich in den Notunterkünften der betroffenen Stadtteile sehen und erklärte bei dieser Gelegenheit, dass er am Samstag, also am Vortag, zu Hause noch wichtige Krisentelefonate habe führen müssen. Von seiner Tennisspielerei am Samstag sagte er zunächst gar nichts.

Kraft schöpfen für das Amt

Nun ist es eigentlich nicht schlimm, wenn ein Spitzenpolitiker Tennis spielt. Im Gegenteil: Es ist gut, wenn er sich fit hält, wenn er also Sport treibt, wenn er Fahrrad fährt, in die Berge steigt, wenn er zum Schwimmen geht, wenn er, wie einst der Grünen-Außenminister Joschka Fischer, Marathon läuft. Selbst der alte Adenauer hat gesportelt – er hat Boccia gespielt; das war für ihn die altersgemäße sportliche Betätigung. Er hielt die Verbindung aus geistiger Konzentration, maßvoller Bewegung und Geselligkeit für trefflich geeignet, in seinem Alter Kraft für das Amt zu schöpfen. Ihm wäre aber wohl nicht eingefallen, zum Zweck der geistigen Konzentration und des Kraftschöpfens kurz nach Beginn einer Katastrophe zum Boccia-Spielen zu gehen.

Heiner Geißler war auch im schon gesetzteren Alter sehr viel wagemutiger bei seinen sportlichen Aktivitäten als Adenauer: Er war 62 Jahre alt, als er 1992 mit dem Gleitschirm abstürzte und sich den ersten Lendenwirbel brach. Er war beim Fliegen in Turbulenzen geraten, musste im Wipfel einer Kiefer notlanden, wurde eingeklemmt und lebensgefährlich verletzt. Es war ihm noch gelungen, statt in einem Laubbaum („dessen Äste hätten mich aufgespießt“) im Nadelbaum zu landen. Er hat sich zusammenflicken und von weiteren Abenteuern nicht abhalten lassen.

Schon nach fünf Stunden im Home-Office überfordert?

Dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner ist es nun gelungen, beim Tennisspielen abzustürzen – nicht physisch, aber politisch: Er spielte zur absoluten Unzeit Tennis, zu einer Zeit nämlich, als gerade die Evakuierung von Krankenhäusern und Altenheimen begann und höchst hilfs- und pflegebedürftige Menschen, also solche mit den Pflegestufen vier und fünf, gerade in Notunterkünfte gebracht wurden. Vor Ort wurde er da nicht gesehen. Vor dem Tennisspiel mit seiner Lebensgefährtin will er noch Krisenmanagement-Telefonate geführt und diese anschließend fortgesetzt haben. Erst am Sonntag, am zweiten Tag des Stromausfalls, tauchte er in den Notunterkünften auf – und am Mittwoch, am 8. Januar, als das Radio Berlin-Brandenburg darüber berichtete, räumte er dann das Tennisspiel ein. Eine zutreffende Kommentierung zu Wegners Verhalten, für die das Wort „Krisenmanagement“ unangemessen ist, gab die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch: „Ein Regierungschef, der nach fünf Stunden im Home-Office schon überfordert ist und eine Auszeit braucht, ist dem Amt nicht gewachsen.“

Wenn die Work-Life-Balance stimmt, aber nicht das Krisenmanagement

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik Politiker, die in Notzeiten über sich hinauswuchsen: Helmut Schmidt als Hamburger Innensenator bei der Sturmflut von 1962 kommt einem da als Erstes in den Sinn; seine Entschlossenheit damals war der Beginn einer großen Karriere. Kai Wegner wird das nicht vergönnt sein; er ist geschrumpft. Er war in entscheidender Stunde ein nicht regierender Bürgermeister – und argumentierte dann, als er sich erklärte, mit den Mustern der Work-Life-Balance. Er redete so, wie Coaches, die Führungskräfte beraten, wenn sie diesen Strategien lehren, um Überlastung zu vermeiden.

Aber das ist das Letzte, was man von einem in höchster Regierungsverantwortung stehenden Spitzenpolitiker hören will, wenn es brennt. Mit einem solchen Gerede hat sich Wegner völlig vergaloppiert. Es geht bei der Präsenz in Not- und Krisensituationen nicht um Show oder um Katastrophentourismus, wie Wegner zur Selbstverteidigung argumentierte, um sich gegen den Vorwurf der Nichtpräsenz zu wehren. Es ist notwendig, dass sich ein verantwortlicher und zuständiger Spitzenpolitiker umgehend am Ort des Geschehens blicken lässt – nicht deswegen, weil er oder sie damit quasi automatisch die Not wendet, sondern weil er oder sie auf diese Weise Vertrauen schafft und Vertrauen festigt – schon dadurch, dass er oder sie Beistand leistet. Das gehört zur Notwende. In Zeiten des aggressiven Populismus und der zunehmenden Politikverachtung ist das noch wichtiger als früher.

Wie Notwende aussieht

Beim Hochwasser von 2013 gelang es der Kanzlerin Angela Merkel in Gummistiefeln, vor Ort, in Passau und in Sachsen-Anhalt, Trost und Hoffnung zu spenden. Ihr Gegenspieler, der SPD-Kanzlerkandidat, entzog sich einem „Wettrennen“ im Katastrophengebiet, wie er es nannte, und forderte von Berlin aus „konkrete Hilfsangebote“. Als Anteilnahme kam das nicht an.

Solche Anteilnahme erwarten die Menschen zu Recht in Katastrophenlagen. Einem wie Matthias Platzeck ist diese Anteilnahme gelungen, als 1997 die Deiche der Oder zu brechen drohten. Der damals noch parteilose Brandenburger Umweltminister schleppte in Jeans und Gummistiefeln Sandsäcke; er gewann so als „Deichgraf“ Zuneigung, wurde deswegen Nachfolger von Manfred Stolpe als Ministerpräsident und kurzzeitig sogar SPD-Chef. Auch Kanzler Gerhard Schröder gelang im August 2002 beim Hochwasser an der Elbe das Kunststück, Zuversicht zu wecken. Es hat ihm dann im Bundestagswahlkampf gewiss nicht geschadet.

Man kann über solche Nebenwirkungen der Nothilfe schmunzeln. Menschen, die in Katastrophen Wärme und Zuwendung suchen und brauchen, schmunzeln da nicht. Wenn sie, wenn die Bürgerinnen und Bürger, begleitet von den mit Wegner höchst unzufriedenen Medien, über seinen fehlenden Beistand klagen, ist das verständlich und richtig. Das ist das eine. Das andere ist: Wenn die Empörung darüber, dass aufgrund von politischen Entscheidungen alljährlich Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, ähnlich groß wäre – dann wäre die Welt besser.

 


 

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