Vor sechzig Jahren inszenierten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale zu Reims die deutsche-französische Versöhnung. Aus Erbfeindschaft wurde Erbfreundschaft. Wie hartnäckige Hoffnung funktioniert – weil die Zukunft Europas Europa heißt.

Von Heribert Prantl

Ob die Zeiten besser waren, damals, vor sechzig Jahren? Damals, als die deutsch-französische Freundschaft begann, als der französische Präsidenten-General Charles de Gaulle und der schon greise deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims die Versöhnungsmesse feierten? Besser waren die Zeiten nicht. Aber die Akteure waren mutiger.

Am 8. Juli 1962, kurz nach elf Uhr am Vormittag, stiegen de Gaulle und Adenauer gemeinsam aus dem offenen Wagen, Kardinal François Marty begrüßte sie und Charles de Gaulle sage: „Euer Exzellenz, der Kanzler und ich kommen in Ihre Kathedrale, um die Versöhnung von Deutschland und Frankreich zu besiegeln.“ Und der Kardinal antwortete: „Die Kathedrale von Reims empfängt Sie unter dem Lächeln ihres Engels.“ Dieser lächelnde Engel ist eine berühmte gotische Skulptur am nördlichen Portal der Westfassade, der (wie die gesamte Kathedrale) im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen zerschossen und zerstört, dann 1926 von Restaurateuren wieder zusammengeflickt wurde. „Dieser Engel des Lächelns“, sagte der Kardinal, „bleibt ein Zeichen der frohen und hartnäckigen Hoffnung.“

Die Versöhnungsmesse war der Einstieg in den Élysée-Vertrag vom Januar 1963, dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Die Verhandlungen zu diesem Vertrag begannen in einer spannungsgeladenen internationalen Szenerie: Berlinkrise, Mauerbau, Kuba-Krise, sowjetische Hochrüstung; Frankreich hatte gegen den Beitritt Großbritanniens zur EWG sein Veto eingelegt. Der Zweite Weltkrieg war gerade einmal 17 Jahre her, Angst, Leid und Rachegelüste waren noch sehr lebendig.

Es war ein Wagnis

Der Deutsche galt in Frankreich noch als le Boche, le Fridolin, le Fritz. Und vielen französischen Widerstandskämpfern und KZ-Häftlingen von einst kam die Versöhnung zu früh und zu schnell. Reims war für viele Deutsche der Ort der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, die Generaloberst Alfred Jodl am 7. Mai 1945 im amerikanischen Hauptquartier in Reims unterzeichnet hatte. De Gaulle hatte Reims mit Bedacht ausgesucht und das seinem Kabinett so erklärt: „Der letzte Tag von Adenauers Besuch in Frankreich (Anm.: Es war dessen erster Staatsbesuch in Frankreich) wird selbstverständlich in Reims sein. Reims, die Märtyrerstadt des Ersten Weltkriegs, wo die deutsche Wehrmacht am Ende des Zweiten kapitulierte. Die Kathedrale ist fast vollständig von den Deutschen zerstört worden. Es ist die Kathedrale, in der unsere Könige gekrönt wurden, in der Jeanne d’Arc den Charles VII. gekrönt hat. Es ist der Ort, an dem Chlodwig getauft wurde, der Ort, von dem man sagen kann, dass hier auch Frankreich getauft wurde.“ Chlodwig aus der Dynastie der Merowinger gilt als der Begründer des Frankenreiches.

Hier die Versöhnung und die neue Freundschaft auszurufen, war ein Wagnis. De Gaulle und Adenauer waren zuvor an den alten Schlachtfeldern und den endlosen Reihen von Soldatengräbern beider Weltkriege vorbeigefahren. Auf dem Truppenübungsplatz in Mourmelon, unweit von Reims, hatten sie eine deutsch-französische Militärparade abgenommen. De Gaulle träumte von einem starken europäischen Europa, das sich von den USA nicht vereinnahmen ließ, und die Messe in Reims (beide Staatenlenker waren gläubige Katholiken) war der Auftakt zu großen Projekten: Es sollte eine komplette Union beider Staaten geben, mit gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik, gemeinsamer Wirtschaftspolitik – bis hin zu einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft.

Als klar wurde, dass der Bundestag bei so etwas nicht mitmacht, wurde der geplante Staatsvertrag sehr abgespeckt und auf Drängen der deutschen Transatlantiker eine amerikafreundliche Präambel zum Vertrag geschrieben, in der festgehalten wurde, dass Deutschland auf seine enge Bindung an die USA und auf die Befürwortung eines britischen EU-Beitritts beharre. De Gaulle schäumte und machte die gallige Bemerkung, dass manche Verträge so schnell welken wie Rosen und junge Mädchen. Aber das alles lag noch im Nebel, als de Gaulle und Adenauer, jeder auf seiner eigenen Kirchenbank (die von de Gaulle hatte auf seinen Wunsch hin eine etwas höhere Lehne) das „Te Deum“ hörten.

Zwei Monate später kam de Gaulle zum Gegenbesuch nach Deutschland, blieb, wie zuvor Adenauer in Frankreich, fast eine Woche, besuchte Hamburg, Bonn, Duisburg, München und Ludwigsburg. Es war eine triumphale Reise. In Bonn rief er vom Rathausbalkon den Menschen auf Deutsch zu: „Es lebe Bonn! Es lebe Deutschland! Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“ In Ludwigsburg erklärte er in seiner Rede an die deutsche Jugend, dass sie einem „großen Volk“ angehöre.

Kaiser Europas mit Sitz in Aachen

De Gaulle wurde bejubelt, wo immer er auch auftrat. „In Hamburg kamen mehr Leute, um de Gaulle zu sehen, als früher zu Hitler“, soll später einmal Helmut Schmidt gesagt haben. Und Zeitungen überschlugen sich vor Begeisterung: „Er kam als Präsident Frankreichs und fuhr zurück als Kaiser Europas.“ Oder: „Wir wissen nun, wer Nachfolger vom alten Adenauer wird: de Gaulle mit Sitz in Aachen.“ De Gaulle hatte aber mehr, sehr viel mehr gewollt als die (höchst erfolgreiche) Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks, mehr als unzählige Städtepartnerschaften und Schüleraustausche.

Es begann daher ein bis heute andauernder Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland um die Zukunft Europas: Europa als ein Pol neben den USA oder als ein kleinerer Partner Amerikas? „Frankreich wollte und will ein Europa, das eigenständiger und unabhängiger agiert – und von den USA weniger dominiert wird.“ So hat das einmal Karl Lamers formuliert, der jahrzehntelang außenpolitischer Experte der CDU war.

Die deutsch-französische Freundschaft und die europäische Einigung waren Antwort auf die zwei Weltkatastrophen; die Gründung der EWG, der EG, der EU war und ist ein welthistorisches Friedensprojekt. So ein Projekt ist nicht fertig, wenn ein paar Verträge abgeschlossen sind. So ein Projekt muss immer weitergehen, es muss immer neu durchdacht, begründet, fortentwickelt werden. Man hat das schon lange nicht mehr so mächtig gespürt wie heute, in den Monaten des Ukraine-Kriegs. Aus der Europa-Euphorie der Nachkriegszeit war Routine und Lethargie geworden – bis Putins Krieg in der Ukraine Europa aufschreckte. Mit zunehmendem Abstand zum Zweiten Weltkrieg galt das Friedensprojekt Europa als Normalität, als Selbstverständlichkeit.

Aber das Selbstverständliche ist, wie sich zeigt, nicht selbstverständlich. Ein unkriegerischer Kontinent ist nicht selbstverständlich. Er muss gebaut, es muss geschützt, er muss verteidigt, er muss geschaffen werden. Wo Gefahr ist, sagt Hölderlin, wächst das Rettende auch. Wo ist das Rettende? Ist Aufrüstung, allein Aufrüstung, das Rettende? Wie geht Entfeindung, wo läuft der Weg zum Frieden? Sind Waffen Wegweiser?

Europa braucht den Brückenschlag nach Osteuropa. Die deutsch-französische Freundschaft ist eine Blaupause dafür. Europa braucht Menschen, die Frieden stiften; Frieden in der Gesellschaft und Frieden zwischen den Staaten. Das ist dann die wirkliche Zeitenwende. Die Zukunft Europas heißt Europa.


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