Was Europa von Afrika lernen kann. Gedanken zu einer Preisverleihung an die kenianische Umwelt- und Sozialaktivistin Wanjira Mathai.
Von Heribert Prant
Nairobi, die Hauptstadt von Kenia, ist eine schnell wachsende Metropole mit viereinhalb Millionen Einwohnern und einem riesigen Naturpark – tausend Hektar Grün innerhalb der Stadtgrenzen. Der Karura-Wald ist einer der weltweit größten Stadtwälder, man nennt ihn die grüne Lunge Nairobis; ohne ihn wäre die Stadt vielleicht schon erstickt. Dass das bislang nicht passiert ist, ist einer Frau zu verdanken, die man etwas lieblos „Umweltaktivistin“ genannt hat. Als die Regierung den Grund und Boden Ende der Neunzigerjahre an Investoren verkaufen wollte, mobilisierte sie die Bürger, um gegen den Landraub zu protestieren. Die stellten sich mit Stöcken und Macheten den Truppen entgegen, die mit Bulldozern und Kettensägen anrückten. Sie vertrieben erst die Spekulanten und dann die Räuberbanden, die den Wald unsicher machten. Es war ein Kampf um das Gemeingut, um gemeinsame Lebensräume und darum, wer von ihnen profitieren darf.
Die Frau, die das schaffte, hieß Wangari Maathai. Der kenianische Präsident Daniel arap Moi nannte sie „die Verrückte“, weil sie seinen finanziellen Interessen im Weg stand. Sie ermutigte Frauen, Baumschulen zu gründen und Bäume zu pflanzen, um der Erosion entgegenzuwirken und das Land wieder fruchtbar zu machen. Sie trieb Geld auf und bezahlte den Frauen ein paar Cent für jeden gepflanzten Setzling, was für viele das erste eigene Einkommen war.
Menschen schützen das, was sie als ihr Eigen empfinden.
Wanjira Mathai
Für ihren Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, Demokratie und Frieden erhielt Wangari Maathai als erste afrikanische Frau 2004 den Friedensnobelpreis. Maathai verband Umweltschutz mit Frauenrechten, Demokratie und Armutsbekämpfung. Mit dem von ihr gegründeten Green Belt Movement mobilisierte sie vor allem Frauen, Millionen Bäume zu pflanzen – womit sie ihnen zugleich Einkommen, Selbstbewusstsein und politischen Einfluss ermöglichte.
Soeben wurde ihre Tochter Wanjira, die das Werk ihrer Mutter weltweit mit neuen frauen- und familienpolitischen Akzenten fortsetzt, im hessischen Bensheim mit dem renommierten, mit 25 000 Euro dotierten Karl-Kübel-Preis der gleichnamigen Stiftung geehrt. Die „Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie“ ist eine der großen Stiftungen in Deutschland, die weltweit operiert. Die Umwelt- und Sozialaktivistin Wanjira Mathai wurde jetzt ausgezeichnet, weil sie ihr Engagement für eine nachhaltige Zukunft mit der Stärkung von Kindern, Frauen und Familien und dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe verknüpft.
Die starke Botschaft der Wanjira Mathai lautet: „Man kann eine Landschaft, man kann die Umwelt nicht nachhaltig wiederherstellen, wenn man die Menschen, die dort leben, zurücklässt.“ Für sie ist Umweltverantwortung untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden: „Das eine funktioniert nicht ohne das andere.“ Umweltschutz, der die Gerechtigkeit außer Acht lasse, erklärt sie, „scheitert oft, wenn und weil er die Menschen als Problem und nicht als Lösung betrachtet“. Man müsse Ungerechtigkeiten wie unsichere Landbesitzverhältnisse oder den Ausschluss lokaler Gemeinschaften von wirtschaftlichen Chancen beenden – „denn Menschen schützen das, was sie als ihr Eigen empfinden“.
Das US-Nachrichtenmagazin Time hat Wanjira Mathai im Jahr 2023 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt gezählt, die BBC rechnet sie zu den globalen Impulsgeberinnen. Das von ihrer Mutter vor bald fünfzig Jahren gegründete „Green Belt Movement“ hat mehr als 55 Millionen Bäume gepflanzt und dreißigtausend Frauen Einkommen in Forstwirtschaft, Imkerei und Nahrungsmittelverarbeitung verschafft.
Die Lebensräume der Zukunft sollen gut sein für die Menschen, gut für die Natur und gut für das Klima.
Wanjira Mathai
Aber das Pflanzen der Bäume, so meinen Mutter und Tochter, sei fast nebensächlich; was zähle, sei das Verständnis, das so geweckt wird, und der Mut, den das stärkt: Es geht um das Verständnis, dass jede Generation Verwalter und Pfleger, nicht Eigentümer von Natur und Umwelt ist. Und es geht um den Mut, gegen die Mächtigen und für die Demokratie zu streiten: „Aufgeben ist keine Lösung. Die Lebensräume der Zukunft sollen gut sein für die Menschen, gut für die Natur und gut für das Klima – und zwar gleichzeitig.“
Man müsse davon wegkommen, sagt die Umwelt- und Sozialaktivistin, Wohlstand und Erfolg lediglich daran zu messen, wie viel gebaut, produziert und konsumiert wird. Der wahre Maßstab sei, „ob unsere Volkswirtschaften gesunde Landschaften, gesunde Gemeinschaften und ein gesundes Leben schaffen“. Afrika müsse dabei nicht die ressourcenintensiven Entwicklungswege nachahmen, die die Industrieländer eingeschlagen haben. Es habe die Chance, anders zu bauen – mit naturpositiver Infrastruktur, erneuerbaren Energien, kreislauffähigen Materialien, klimaresilienten Städten.
Bei der Verleihung des Karl-Kübel-Preises am Sitz der Stiftung in Bensheim wurde auch ein Exempel vorgeführt, wie eine solche Vision in der Praxis ausschauen kann. Einen der sogenannten „Fairwandler-Preise“ der Karl-Kübel-Stiftung erhielt ein Start-up aus Münster, das in Senegal ein Modell für nachhaltige Dämmstoffe entwickelt hat: „InSEAlation“ betreibt Gebäudedämmung auf Basis von angespültem Seegras. Das kühlt Räume um acht bis zwölf Grad, kann die Energiekosten für elektrische Kühlung von Räumen um sechzig Prozent senken, schafft Jobs – und bessere Lebensbedingungen.
