Heute vor 44 Jahren begann der große Kohl-Coup. Es begann der Machtwechsel von Helmut Schmidt (SPD) zu Helmut Kohl (CDU). Gibt es Lehren für heute?

Von Heribert Prantll

Es ist kein rundes, sondern ein krummes Datum, es ist eine Schnapszahl. Aber in krummen Zeiten sind auch krumme Daten spannend und sprechend. Heute vor 44 Jahren begannen die Kanzlerjahre des Helmut Kohl. Dieser Beginn war ein Kohl-Coup, eine Sensation, ein Streich – aber kein Staatsstreich. Heute vor 44 Jahren wurde er eingefädelt, wurde der Fahrplan dafür entworfen, heute vor 44 Jahren begann der Partnertausch der FDP, es begannen die Koalitionsverhandlungen zwischen der Kohl-Union und Genscher-FDP, die bis dahin die Partnerin der SPD gewesen war. Die Spitzen von CDU/CSU und der FDP vereinbarten, die Absetzung von Kanzler Helmut Schmidt nicht durch Neuwahlen zu versuchen, sondern durch die Wahl eines Nachfolgers – durch ein konstruktives Misstrauensvotum also. So geschah es dann am 1. Oktober 1982. Es ist dies bis heute das einzige Mal, dass ein Bundeskanzler auf diesem Weg gestürzt und ein neuer gewählt wurde: 266 Ja-Stimmen für Helmut Kohl, 235 Nein-Stimmen, vier Enthaltungen. Es begannen die 16 Kanzlerjahre des Mannes, der „schwarzer Riese“ genannt wurde. Sie waren geprägt vom Auf- und Ausbau der Europäischen Union und von der deutschen Wiedervereinigung.

Vor einer Woche, es war im Bundespressehaus zu Bonn, am Ende eines stundenlangen Interviews über Kohl, hat mir der Regisseur des ZDF-Dokumentarfilms einen Kohlkopf in die Hand gedrückt: Ich solle dazu etwas sagen – oder damit machen, was mir so einfällt. Der Kohlkopf in der Hand fühlte sich an wie eine Kegelkugel. Ich ging also zwanzig Schritte nach vorn in Richtung Bühne, nahm Anlauf und Schwung und schob den Kohlkopf in Richtung Kamera – so als stünden dort alle neune. Später habe ich mir dann gedacht, dass das Kegeln dem Politikstil von Kohl ähnelt: Er hat viele Talente aufgestellt (mehr als neun) – und sie wieder abgeräumt, wenn sie ihm zur Konkurrenz wurden.

Friedrich Merz, Kohls vierter Nachfolger, ist auch schwarz und groß gewachsen; aber niemand würde ihn als einen Riesen bezeichnen. Er ist kein Riese, sondern ein langer Lulatsch. Merz kommt, wie Kohl, aus der Provinz. Aber von der geerdeten Kraft der Provinz spürt man bei ihm wenig; und das treibt seine Partei in die Verzweiflung. Kohl saß in den Zeiten der Wiedervereinigung und in den Jahren, in denen die Europäische Union entstand, in seinem Kanzlerbungalow zu Bonn wie im winzigen Führerhäuschen eines gewaltigen Caterpillars, der mit riesigen Rädern die Hindernisse überwindet. So hat er auch den Spott über ihn als „Birne“ hinter sich gelassen. Dass Merz den Spott über sich hinter sich lässt, trauen ihm nicht mehr viele Menschen zu; seine Partei fürchtet, dass der Spott und die katastrophalen Wahlergebnisse ihn unter sich begraben. Gar nicht wenige meinen, man hätte Laschet statt Merz zum Kanzler machen sollen, weil es der viel besser mit den Leuten könne.

Es mit den Leuten können – das konnte Kohl. Er konnte es mit den ganz normalen Menschen, aber auch mit den Staatsmännern der Welt, er konnte es mit Großpolitikern der unterschiedlichsten Couleur, mit Reagan, mit Bush, mit Gorbatschow und mit Mitterrand, dem französischen Sozialisten und Präsidenten, der ihm zum Freund wurde. Diese Freundschaft begann auch vor 44 Jahren: Seine erste Auslandsreise als Kanzler, drei Tage nach der Kanzlerwahl, führte Kohl nach Paris. Und zwei Jahre später reichten die beiden sich an den Kriegsgräbern von Verdun die Hand.

Verdun – das ist der Ort der größten Landschlacht der Geschichte. Rudolph Chimelli, der frühere Frankreichkorrespondent der SZ, hat die Szene eindringlich beschrieben: Der Stummfilm-Charakter dieser Geste, das minutenlange schweigende Händehalten während der Nationalhymnen – es wirkte mächtiger als jede vorbereitete Rede. Dieser Händedruck gilt bis heute weltweit als eines der stärksten Symbole für Friedensstiftung und Versöhnung nach Kriegen. Es war, als würde nicht nur die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschhand begraben. Es war so, als wären sich Deutschlands und Frankreichs politische Führer auch darin einig, dass sie den Krieg und die Unterstützung von Krieg als einem Mittel der Politik für immer begraben wollen. Das entsprach wohl der Absicht der beiden Staatsmänner, aber, wie sich heute zeigt, nicht dem Gang der Dinge.

„Europa vor dem Ziel“, das war die Überschrift des letzten großen Interviews, das ich im September 1999 mit dem Kanzler a. D. Helmut Kohl geführt habe. Europa vor dem Ziel? Das würde heute niemand mehr behaupten. Kohl beschwor Europa als Schicksals- und Friedensprojekt und mahnte, dass ein dauerhafter Frieden in Europa nicht gegen, sondern nur mit Russland erreicht werden könne. Wie würde Kohl also heute umgehen mit dem Aggressor Putin – und mit Russland überhaupt, mit der Zukunft Russlands in Europa? Sich diese Frage zu stellen, ist für die Union vielleicht nicht unwichtig.

 


 

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