Ich habe Ihnen an dieser Stelle selten ein Buch empfohlen, das schon einigermaßen alt und nur noch antiquarisch (jedoch ziemlich einfach) zu haben ist. Aber es muss heute sein, aus gegebenem Anlass: Der grandiose Autor ist vor zwanzig Jahren gestorben und in diesem, seinem finalen Buch, seinem Lebenswerk aus dem Jahr 1989 schaut er mit großen Augen darauf, wie sich die Beziehungen zwischen dem Journalismus und der Politik zwischen 1945 und 1988 entwickelt haben. Das Buch ist deswegen noch immer aktuell und spannend, weil es lehrt, wozu es die Pressefreiheit gibt und warum sie immer wieder verteidigt werden muss. Es ist ein Buch, das im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz lehrt, warum journalistische Intelligenz unersetzlich ist. Der Autor, er war der Doyen des deutschen Nachkriegsjournalismus, hat seinem Buch den Untertitel gegeben: „Ein liberaler Streiter erinnert sich.“
Und ich erinnere mich schmunzelnd daran, wie Müller-Meiningen jr. damals in einer Schwabinger Kneipe sein Buch vorgestellt hat: Der gebieterische Greis, der da im verrauchten Wirtshaus stand, kam mir vor wie der König Artus der journalistischen Tafelrunde – und ich, der gewesene Richter und Staatsanwalt aus Regensburg und nun seit Kurzem SZ-Journalist – kam mir vor wie der junge Parzival kurz nach dem Auszug aus den heimischen Wäldern. Im Laufe dieses Abends nahm mich also der König Artus zur Seite, erkundigte sich nach meinem beruflichen Vorleben, von dem er Schreckliches gehört habe – unter anderem, dass ich angeblich ein strenger WAA-Wackersdorf-Staatsanwalt gewesen sei. Und er gab mir dann eine Mahnung mit auf den Weg, von der ich in Erinnerung behalten habe, dass ich ihm „keine Schande machen“ solle.
Ernst Müller-Meiningen jr.: Orden, Spießer, Pfeffersäcke. Ein liberaler Streiter erinnert sich. Das Buch ist 1989 erschienen, es hat 187 Seiten, und ist antiquarisch preiswert zu haben; es kostet da etwa 10 Euro.