„Soft Power“ meint kulturelle Attraktivität, politische Überzeugungskraft und geschickte Diplomatie. Über ihre Bedeutung in den harten Zeiten von Trumps Ausstieg aus Recht und internationaler Ordnung.

Es ist ein Begriff, den der US-amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye erfunden hat: Soft Power. Diese weiche, sanfte Macht äußert sich nicht in Zwang und Militär, sondern in kultureller Attraktivität, in politischer Überzeugungskraft und in geschickter Diplomatie. Als Verkörperung und Aushängeschild dieses Konzepts sah und wünschte sich der Professor der Harvard Kennedy School: die USA. Auch in den goldenen Jahren des Völkerrechts nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, in denen Nye sein Konzept vorgestellt hat, haben sich die Vereinigten Staaten freilich nicht allein auf die Soft Power verlassen: Alle US-Regierungen kombinierten sie mit Hard Power, also mit militärischer Machtausübung und mit wirtschaftlichem Druck. Joseph Nye, der im vergangenen Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben ist, hat eine solche Kombination aus Soft und Hard als Smart Power bezeichnet. Mit und unter dem US-Präsidenten Donald Trump hat nun auch das von Nye beschriebene Soft- und Smart-Konzept final seinen Geist aufgegeben.

Trump ist nicht soft, er ist auch nicht smart, er geriert sich hart und will hart sein. Er hält nichts, er hält gar nichts von Soft Power, zu der auch die US-Mitgliedschaft und das US-Gewicht in internationalen Organisationen zählen. Für ihn sind alle Organisationen, in denen das Kürzel UN für United Nations vorkommt, unnütz und im Zweifel schädlich oder gar feindlich; alle UN-Wörter sind für ihn unamerikanische Unwörter. Deshalb hat er soeben den Rückzug der USA aus 66 internationalen Abkommen, Vereinbarungen und Gremien angeordnet, unter anderem aus dem Weltklimarat und aus allen Klimakonventionen; das Trump-Amerika will sämtliche Verbindungen zum internationalen Klimaschutz kappen, es verachtet offenbar auch die Wissenschaftsdiplomatie, die sich in den Klimaschutz-Gremien bisher gezeigt und bewährt hat – und dies in einer Situation, in der sich die allerletzten Chancen zur Abwendung der Klimakatastrophe bieten.

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit sollte damals Brücken schlagen über die Kluft des Kalten Krieges hinweg

Umso erstaunlicher ist, dass die USA ein zahlendes Mitglied des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse IIASA (International Institut for Applied Systems Analysis) bleiben. Dort, im Schloss Laxenburg bei Wien, arbeiten derzeit 455 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 106 Nationen in einer Vielzahl von multidisziplinären Gruppen und Projekten zusammen, dort kooperieren auch Forschende aus antagonistischen Staaten, also etwas aus Israel und Iran, aus Russland, der Ukraine, China und den USA. Die National Science Foundation, also die US-Bundesbehörde für Wissenschaft NSF, hat soeben die (wenn auch gekürzten) Mitgliedsbeiträge für die nächsten fünf Jahre im Voraus bezahlt; die USA sind jetzt, nach China, zweitgrößter Geldgeber. Dies berichtet soeben Hans Joachim Schellnhuber, der Leiter des Instituts; er ist, ausgerechnet, einer der weltweit renommiertesten Experten für Klima und Erdsystemanalyse – also des von Trump besonders verachteten Metiers.

Schellnhuber bezeichnet die fortbestehende US-Mitgliedschaft in seinem Institut als „spektakulär“. Ist sie ein spektakuläres Versehen der Trump-Regierung? Wohl nicht. Schellnhuber betrachtet sie als Chance, der „Ursprungsmission“ seines Instituts wieder mehr Gewicht zu geben – also der Wissenschaftsdiplomatie. Das Institut ist 1972 mitten im Kalten Krieg gegründet worden, vorangetrieben von US-Präsident Lyndon B. Johnson und dem Ministerpräsidenten der UdSSR, Alexej Kossygin. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit sollte damals, das war der Sinn des Instituts, Brücken schlagen über die Kluft des Kalten Krieges hinweg; das hat leidlich gut funktioniert; das soll, so wünscht es sich Schellnhuber, jetzt wieder funktionieren – „in der gefährlichsten politischen Situation seit der Kubakrise“.

Schellnhuber will „zu den drängendsten Zukunftsthemen fundierte Wissensgrundlagen für Entscheidungsträger erarbeiten“

Damals, zur Kubakrisenzeit, war er ein zwölfjähriger Gymnasiast im niederbayerischen Vilshofen. Heute ist der 75-Jährige ein gerühmter Professor für Theoretische Physik, auch an Universitäten in China und in den USA; sein internationales Institut hat ein Domizil, das eine Residenz ist: Das Schloss Laxenburg bei Wien war einst ein beliebter Aufenthaltsort der Habsburger; Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth haben dort ihre Flitterwochen verbracht. Der letzte Kaiser, Karl I., residierte 1917/18 fast ständig in diesem Schloss, weil er dort das von ihm geleitete Oberkommando der Armee in der Nähe hatte.

Schellnhuber, der heutige Schlossherr, war zuvor Gründungsdirektor des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, das er 26 Jahre leitete; er hat die Physikerin Angela Merkel in Klimafragen beraten und Papst Franziskus bei der Abfassung der Umweltenzyklika „Laudato si’“; nun will er mit den wichtigsten Forscherinnen und Forschern, darunter zahlreiche Nobelpreisträger, „zu den drängendsten Zukunftsthemen fundierte Wissensgrundlagen für Entscheidungsträger erarbeiten“.

Von Sanktionen im Wissenschaftsbereich hält Schellnhuber wenig

Wieso er glaubt, dass die Trump-Regierung daran interessiert sein könnte? Schellnhuber macht sich keine Illusionen über Trump, der, wie er klagt, „in seiner Sprunghaftigkeit die Welt zerstören“ könne. Trump ahne aber zumindest, so meint der Forscher, dass Wissen Macht bedeute – und wolle daran teilhaben. Das biete „zumindest eine Chance für Science Diplomacy“. Und für Topwissenschaftler in der multipolaren politischen Eiszeit-Welt sei das Institut ein geschützter Ort, an dem ein wärmendes Feuer für alle brennt. Von Sanktionen im Wissenschaftsbereich, die einen Kontaktabbruch zu Ländern wie Russland verlangen, hält Schellnhuber wenig. Sie treffen, so meint er, weniger Putin als die Weltgesellschaft. Und die Gefahr der Spionage, wie sie im politischen Bereich, auch in Deutschland, immer wieder thematisiert wird? Derzeit arbeiten an Schellnhubers Institut dreißig Wissenschaftler aus China. Das Spionage-Thema hält er für einen politischen Popanz.

Fazit: Schellnhuber hat Hoffnung auf gute Wissenschaftspolitik in schier aussichtsloser Lage. Solche Hoffnung hat er in seiner Arbeit zur Klimafolgenforschung seit 35 Jahren trainiert. Es ist dies eine Haltung, die Václav Havel einmal so formuliert hat: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 15.01.2026 in der Süddeutschen Zeitung.