Zukunftsvisionen würde man normalerweise nicht mit grünen plüschigen Sesseln der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts in Verbindung bringen. Am vergangenen Donnerstag jedoch bot ein jedes der gediegenen denkmalgeschützten Möbelstücke in der Aula des Schlosses zu Münster Platz für „21 Visionen für einen Islam der Zukunft“. Das Büchlein lag als Geschenk für die über 300 Gäste aus, die die Gründung der ersten islamischen Fakultät an einer staatlichen Universität nicht nur in Deutschland, sondern in Europa feierten. Es ist dies ein Meilenstein für die Etablierung der islamischen Theologie im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Mit dem Status der Fakultät ist sie nun mit der katholischen und evangelischen Theologie auf Augenhöhe und wird in Kürze sogar mit ihnen im neuen Campus der Theologien und Religionswissenschaften unter ein Dach ziehen.

Der Gründungsdekan Mouhanad Khorchide und sein Kollege Ahmad Milad Karimi entwickeln in ihrem gemeinsamen Buch die Vision eines Islam, der auch in Europa zu Hause ist und dem sie in Münster eine wissenschaftliche Heimat geben werden. Er lässt sich von anderen Religionen inspirieren und ist selbst Inspiration für andere Religionen. Es ist ein Islam der Gottesnähe statt der Kontrolle mit einem Koran als Aufgabe des Denkens und nicht des Gehorsams, mit einer Theologie als Freiheitstheologie und einer Ethik, die in Barmherzigkeit gründet.
Die beiden Theologen stellen einen selbstbewussten Islam vor – einen Islam, der seinen Stolz daraus zieht, dass er sich in den Dialog wirft, Vielfalt fördert und Kritik als Entwicklungsmöglichkeit begrüßt. Die sprühende Begeisterung der Autoren ist unwiderstehlich und ansteckend. Ich empfehle Ihnen Khorchides und Karimis kluges und kühnes Buch und wünsche der jungen islamischen Fakultät, ihren Professoren und Professorinnen und ihren Studierenden Glück und Gelingen.
Mouhanad Khorchide und Ahmad Milad Karimi: 21 Visionen für einen Islam der Zukunft. Das Buch ist kürzlich im Herder-Verlag erschienen, hat 144 Seiten und kostet 18 Euro.