Noch kann ich mir nicht vorstellen, wie der 1963 geborene israelische Regisseur und Produzent Hagai Levi die Geschichte von Etty Hillesum verfilmt hat. Etty Hillesum (geboren 1914, gestorben 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine niederländische jüdische Intellektuelle und Tagebuchschreiberin.

In der Ankündigung der sechsteiligen Dramaserie im Fernsehsender Arte (von 13. Mai an online abrufbar) ist von einer bewusst gegenwärtig gehaltenen Perspektive die Rede. Die Dreharbeiten begannen wenige Monate nach dem Angriff der Hamas auf Israel; und die Bilder vom Holocaust mischten sich, sagt Levi in einem Interview, mit den Bildern des Überfalls und den Bildern aus Gaza. Die Tagebücher der Etty Hillesum sind die Grundlage der Verfilmung. Diese Tagebücher will ich Ihnen heute empfehlen.

Sie sind eine Widerstandsgeschichte. Hillesum (in der Serie dargestellt von der österreichischen Schauspielerin Julia Windischbauer) arbeitete als Schreibkraft und im Krankenrevier des Durchgangs- und Sammellagers Westerbork, aus dem Jüdinnen und Juden in andere Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. In diesem Lager organisierte der sogenannte Judenrat unter Zwang das Lagerleben und die Deportationen.

In ihren Tagebüchern und Briefen beschreibt Etty Hillesum ihre Suche nach innerer Stärke und Ruhe in der immer schwieriger werdenden Lage: Sie will sich nicht von Hass- und Rachegefühlen besetzen lassen. Sie setzt sich auseinander mit ihren Launen und ihren pechschwarzen Gedanken, mit ihrer Sinnlichkeit, ihrem Selbstverständnis als Frau und mit Gott. Auch die Liebesgeschichte mit ihrem Therapeuten (in der Serie dargestellt von Sebastian Koch) spielt eine Rolle.

Sie will die Menschen verstehen und nicht an ihnen verzweifeln. Am 5. September 1941 schreibt sie: „Ich glaube ein Zeugnis ablegen zu müssen, mein Gott, dass es gut und schön ist, in deiner Welt zu leben, trotz allem, was wir Menschen uns antun.“ Etty Hillesum blieb im Lager Westerbork, obwohl sie mehrfach hätte untertauchen können. Sie wurde im Herbst 1943 zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Auschwitz transportiert und dort ermordet.

Ihr Tagebuch ist auch eine Art Schutzraum im Chaos. Sie wird bisweilen als Mystikerin bezeichnet, da viele ihrer Tagebucheintragungen eine Art Gespräch mit Gott sind. Es ist ein bewegendes Zeugnis davon, wie eine junge Frau unter widrigsten Umständen ihre Würde, Zuversicht, Freude bewahrt. Manchmal wirkt ihr Schreiben fast wie ein kindliches Plappern, dann sinniert sie über Rilke; an anderer Stelle verwundert der Eindruck von Schicksalsergebenheit. Aber das ist es nicht. Sie fragt sich selbst, ob sie verrückt oder einfach nur naiv ist. „Ich weiß, dass ich mich keineswegs wohlfühlen würde, wenn mir erspart bliebe, was so viele erdulden müssen.“

Und eine Tagebucheintragung kommt mir noch in den Sinn: Da beschreibt sie einen Gestapo-Mann, der es nicht aushält, dass sie lächelt und kein von Angst verzerrtes Gesicht hat. Und als sie antwortet, das sei ihr normales Gesicht, da wirft er sie wütend raus. Sie beschreibt das nicht arrogant oder überheblich, sondern ganz still und verwundert und auch ein bisschen so, als ob sie darüber lachen müsste.

Etty Hillesum: Das denkende Herz – Die Tagebücher 1941-1943. Verlag Rowohlt Taschenbuch 1985, 224 Seiten, 14 Euro.

Etty Hillesum: Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe 1941-1943. Bei dieser im Verlag C.H. Beck im Jahr 2023 erschienen Ausgabe handelt es sich um die erste vollständige Ausgabe der Tagebücher. Hardcover 989 Seiten, 42 Euro.