Am kommenden Dienstag nimmt die Republik Abschied von Rita Süssmuth, der langjährigen Bundestagspräsidentin. Im Bundestag findet auf Anordnung des Bundespräsidenten der Trauer-Staatsakt für eine Frau statt, die ihre politische Laufbahn vor über vierzig Jahren als Gesundheitsministerin und erste deutsche Frauenministerin begonnen hat. Es ist erst der dritte Trauer-Staatsakt in der Geschichte der Bundesrepublik, der für eine Frau abgehalten wird.

Rita Süssmuths Politik war mutig und leidenschaftlich; ihre Menschenfreundlichkeit setzte sich hinweg über moralische Herabsetzungen, wie sie zu Beginn ihrer Ministerinnenzeit noch Homosexuellen galten, Aids-Kranken und ungewollt Schwangeren. Wenn Sie zum Abschied so eine Art Testament von ihr lesen wollen, nehmen Sie bitte eine kleine Schrift von ihr zur Hand; sie heißt: „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“. Das klingt wie ein Kommentar zu den Münchner Sicherheitskonferenzen von 2025 und 2026, das klingt wie ein scharfer Kommentar zu erratischen Politik des US-Präsidenten Trump. Es handelt sich freilich um eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2020, der einen Brief an Süssmuths Enkel zur Grundlage hat, der aber gut zur heutigen Nachrichtenlage passt. Die engagierte Feministin nennt im Schlusskapitel („Geht Euren Weg“), die Dinge, die sie zu hoffen wagt. Zum Beispiel: „Ich wage zu hoffen, dass zukünftig in unserem Land Fremde keine Fremden mehr bleiben müssen: dass die Politik und Menschen sich darauf einstimmen, wie sehr dieses Land Zuwanderung braucht.“ Lesen Sie, denn „Wir sind nicht ohnmächtig, Veränderung zum Besseren ist möglich.“

Rita Süssmuth: Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen. Das kleine Büchlein ist 2020 im bene-Verlag erschienen, es hat 112 Seiten und kostet 12 Euro.