Mit der Exkommunikation ihrer Bischöfe und all ihrer Priester zieht Leo XIV. eine klare Linie – auch deswegen, weil diese sogenannten Traditionalisten rechtsextreme Strömungen nähren.
Ich war ein Piusbruder – also einer von denen, die heute mit der römisch-katholischen Kirche im Schisma leben; genauer gesagt: Ich war nur ein Piusbrüderchen. Es ist lange, sehr lange her. Und das war so: Als 1962 das Zweite Vatikanische Konzil in Rom begann, das große Reformkonzil der Katholischen Kirche, da war ich ein kleiner Messdiener, gut aufgehoben in meiner oberpfälzischen Landpfarrei und in den vielen Gebräuchen und Ritualen, die dort zu Hause waren. Ich verstand zwar die lateinischen Gebete nicht, die ich während der Liturgie, abwechselnd mit dem Priester, zu murmeln hatte; ich hatte diese aber in monatelanger Anstrengung auswendig gelernt – denn ohne das konnte man nicht Ministrant werden.
Ich habe also damals den alten Messritus selbst praktiziert und als Messdiener ein wenig mitgestaltet – so wie ihn die traditionalistische „Priesterbruderschaft Sankt Pius X.“ heute noch feiert und weiter feiern will: Der Priester zelebrierte mit dem Rücken zur Gemeinde. Die ganze Messe war eine Feier in lateinischer Sprache, die Gläubigen hatten mit dem liturgischen Geschehen nichts zu tun; sie waren dabei nur als Zuschauer und privat für sich betend anwesend. Die Kommunion empfingen sie kniend und ausschließlich als Mundkommunion: Sie durften die Hostie also nicht selbst anfassen, der Priester legte sie ihnen auf die Zunge. Und der Ministrant hielt ihnen ein goldenes Tellerchen, „Patene“ genannt, unters Kinn, sodass kein Partikel vom „Leib des Herrn“ verloren gehe.
Der Antimodernisten-Eid sollte den Katholizismus vor den angeblichen „Irrtümern der Gegenwart“ schützen
Die Gläubigen waren beim Gottesdienst präsent, aber nicht beteiligt. So war das seit dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert; darum heißt diese Form der Messe die „tridentinische“. Dann kam, es war noch in meiner Ministrantenzeit, die große Gottesdienstreform als das äußerlich sichtbarste Ergebnis des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Es war dies keine spontane Neuerung, sondern die Frucht langer Überlegungen, wie man die Liturgie wieder verständlicher und geistlich fruchtbarer gestalten könnte: Die Priester feierten und beteten von da an nicht mehr vor den Gläubigen, sondern zusammen mit den Gläubigen – und zwar in der jeweiligen Landessprache, hierzulande also auf Deutsch. Und sie wendeten ihnen nicht mehr, wie bisher, den Rücken zu. Also wurden auch die Altäre umgedreht oder ganz neu aufgestellt, um nun als „Volksaltäre“ diese neue Form des Messfeierns zu ermöglichen.
Wenn nun sehr konservative Kräfte in der Kirche mit Leidenschaft und Inbrunst an der alten Form der Messe festhalten, an einer Form, die zuvor jahrhundertelang so zelebriert worden war – ist das wirklich der Grund für ein Schisma, für eine Kirchenspaltung also? Natürlich nicht. Der Streit um die Messe, der unter den verschiedenen Päpsten und den verschiedenen Leitfiguren der Piusbrüder mit wechselnder Intensität geführt wurde, war und ist nur die Kulisse für einen Streit, der über die Entlatinisierung des Gottesdienstes und über dessen neue Regie weit hinausgeht. Das wird schon aus dem Namen ersichtlich, den sich die Piusbruderschaft bei ihrer Gründung im Jahr 1970 (also fünf Jahre nach dem Konzil) gegeben hat. Sie ist benannt nach Papst Pius X., der im Jahr 1910 den sogenannten Antimodernisten-Eid eingeführt hatte, den jahrzehntelang alle katholischen Kleriker und Theologen ablegen mussten. Der Eid sollte den Katholizismus vor den angeblichen (auch wissenschaftlichen) „Irrtümern der Gegenwart“ schützen; dieser Eid wurde nach dem Konzil aufgehoben und durch ein allgemeines Glaubensbekenntnis ersetzt.
Die evangelische und die katholische Kirche haben erklärt, völkischer Nationalismus und Christentum seien unvereinbar
Für den Gründer der Piusbrüder, es war der ultrakonservative französische Erzbischof Marcel Lefebvre, war fast alles, was das Konzil beschlossen hatte, modernistische Irrlehre. Zu diesen Irrlehren und modernistischen Irrungen rechnete Lefebvre die vom Konzil akzeptierte Trennung von Kirche und Staat, die seinem Ideal vom Katholizismus als Staatsreligion widersprach. Zu den angeblichen Irrlehren und Fehltritten zählte Lefebvre auch das Bekenntnis des Konzils zur Demokratie und zu den damit verbundenen Menschen- und Freiheitsrechten inklusive der Religionsfreiheit; niemand dürfe gezwungen werden, so das Konzil, in religiösen Belangen wider sein Gewissen zu handeln. Papst Leo hat das Zweite Vatikanische Konzil als „Leitstern“ für den künftigen Weg der Kirche ausgerufen. Aus der Sicht der Piusbrüder sind aber durch dieses Konzil „die modernen Irrlehren“ in die Kirche eingezogen.
Marcel Lefebvre weihte erst Priester, er weihte sodann 1988 (unerlaubt) auch Bischöfe, um seinen Quasi-Orden lebensfähig zu halten; einer dieser Bischöfe war ein wegen Volksverhetzung verurteilter Holocaust-Leugner. Seitdem gab es, mit einigem Hin und Her, eine schismatische Situation in der katholischen Kirche. Die schismatische Situation wurde nunmehr, nachdem die Piusbrüder am 1. Juli wiederum Bischöfe weihten, „dauerhaft verankert“ – so hat das der französische Jesuit François Euvé in einem Interview mit der Zeitschrift Christ in der Gegenwart formuliert; er benannte zugleich die Gefahr, die von den extremen Traditionalisten gesamtgesellschaftlich ausgeht: Sie „nähren rechtsextreme Strömungen“. Die Piusbrüder sind also die AfD der katholischen Kirche. Dort ist der Antijudaismus zu Hause, dort werden die klassischen antisemitischen Hassreden geführt, die im Vorwurf des „Gottesmordes“ gipfeln. Solche kollektive Schuldzuweisung hat das Zweite Vatikanische Konzil strikt untersagt. Papst Leo XIV. reagierte auch deshalb mit großer Klarheit auf die neuen Bischofsweihen: mit einer Exkommunikation der Bischöfe; er dehnte diese Exkommunikation auch auf die rund siebenhundert Priester der Piusbrüder aus.
In Deutschland haben sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche erklärt, völkischer Nationalismus und Christentum seien unvereinbar; sie haben vor der Gefährdung der „Grundwerte unseres Zusammenlebens“ durch Rechtsextremismus gewarnt. Diese kirchliche und vatikanische Klarheit in Sachen Rechtsextremismus würde man sich auch von den C-Parteien in Deutschland wünschen – und von Manfred Weber, dem Vorsitzenden der EVP-Fraktion im Europaparlament, der immer wieder mit den dortigen Rechtsextremisten scharwenzelt.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 09.07.2026 in der Süddeutschen Zeitung.