Die braun-blaue Ideologie steht in fundamentalem Gegensatz zum christlichen Glauben: Was die Kirchen gegen den Neonazismus tun können und tun müssen.
„Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“ Die katholische Bischofskonferenz hat das schon vor zweieinhalb Jahren unmissverständlich erklärt. Die Entscheidung für eine rechtsextreme Partei sei inkompatibel mit dem christlichen Menschenbild. Das heißt: Ein Christ wählt nicht AfD. Die evangelische Kirche ist genauso deutlich: Völkische oder antisemitische Haltungen seien dem Evangelium entgegengesetzt und völlig untragbar. Genützt hat das nicht so viel: Den Christinnen und Christen unter den Wählern zuletzt in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern war das offenbar egal. Der AfD-Spitzenkandidat war ihnen näher als ihr Landesbischof. Und das AfD-Programm war ihnen wichtiger als das Gebot der Nächstenliebe, das vom AfD-Programm verachtet wird.
Nun gehört im Osten Deutschlands ohnehin nur eine Minderheit überhaupt noch einer der Kirchen an. Die Christen dort waren und sind also nicht wahlentscheidend. Aber die Liebeleien mit der AfD sind im Westen der Republik, wo immerhin noch jeder zweite Bürger ein Kirchenmitglied ist, ähnlich bemerkenswert. Die immer noch Groß-Kirchen könnten sich nun damit trösten, dass Katholiken und Protestanten nicht ganz so viel AfD wählen wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Aber das ist kein Trost, weil es gleichwohl zu viele sind; das ist Anlass für Trauer, Trübsal – und Tatkraft. Die AfD-Zahlen sind für die Kirchen „befremdlich und makaber“; so hat das soeben der Magdeburger Bischof Gerhard Feige in der Zeitschrift Publik-Forum kommentiert.
Mit den Wahlempfehlungen der katholischen Kirche in früheren Zeiten, also für das Zentrum (in der Weimarer Republik) oder für die CDU und CSU (in der frühen Bundesrepublik), sind die heutigen Warnungen beider Kirchen vor der AfD nicht zu vergleichen. Damals waren die Wahlempfehlungen der paternalistische Versuch einer Mobilisierung der Wählerschaft für milieunahe Parteien, heute ist das der Versuch, eine rote Linie gegen menschenfeindliche Positionen zu ziehen. Damals war das ungut, hat aber funktioniert. Heute ist das gut, funktioniert aber nicht mehr.
Müssen die Kirchen sich noch schärfer als bisher äußern?
Ist die Wahl der AfD durch Kirchenmitglieder ein Indiz für den Autoritätsverlust der Kirchen und für das Verblassen der Strahlkraft der Kernbotschaften der Religion? So kann man es deuten und bedauern – und überlegen, ob die Kirchen sich noch schärfer als bisher äußern müssen. Eine Ideologie, die Menschen nach Rasse, Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit in unterschiedliche Wertkategorien einteilt, widerspricht der christlichen Grundprämisse von der Gottesebenbildlichkeit der Menschen und der ihnen daher innewohnenden Würde.
Ist es daher Sünde, AfD zu wählen? Müssen die Kirchen es dann auch so sagen? Den AfD-Wählern unter den Christen ist das wohl ziemlich egal; im Übrigen: Die Menschen sündigen ja bekanntlich gerne. Im theologischen Sinn bedeutet Sünde mehr als eine bloße Regelverletzung oder Fehlhandlung, sondern eine Störung und Trennung der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Weil der Neonazismus auf Menschenverachtung, Rassismus und Hass basiert, kann das bewusste Unterstützen solcher Ideologien als sündhaftes Handeln bewertet werden. Und weil in der Lehre der katholischen Kirche (wenn auch nicht in der Alltagspraxis) ja das Beichtsakrament immer noch hochgehalten wird – müssten Katholiken, so kann man fragen, es dann eigentlich beichten, wenn sie AfD gewählt haben? Nach einer Vergebung ihrer Wahl-Sünde, die dann am Ende der Beichte stünde, wird es sie nicht drängen.
Die Kirchen sind kein Klub der moralisch Überlegenen
Der Begriff der „Sünde“ taugt also wenig dazu, ein gottes- und menschenfeindliches Wahlverhalten zu sanktionieren und zu korrigieren; er taugt aber dazu, es zu kategorisieren, ihm also die Bedeutung zu geben, die es hat: Neonazistische Ideologien stehen in einem fundamentalen Widerspruch zum christlichen Glauben. Das kann und darf freilich nicht zum Kirchenausschluss der Propagandisten solcher Ideologien führen. Die Kirchen verstehen sich als eine Gemeinschaft der Sünder, als Heilungsort, nicht als Klub der moralisch Fehlerfreien und Überlegenen; sie verstoßen daher niemanden, weder Sünder noch Kriminelle. Das heißt aber nicht, dass sie es dulden müssen, dass AfD-Politiker oder AfD-Mitglieder hauptamtliche oder ehrenamtliche Funktionen bei ihnen bekleiden.
Die Evangelischen Kirche von Westfalen, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Lippische Landeskirche haben soeben eine gemeinsame Erklärung abgegeben, die darauf hinweist, dass in einer Kirche kontroverse Positionen auszuhalten sind. Das stimmt. Man muss miteinander reden – notfalls auch mit dem Gottseibeiuns. Eine AfD-Funktion oder eine AfD-Mitgliedschaft von hauptberuflichen oder ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kirche bedeutet aber kein Miteinanderreden. Sie beschädigt den Verkündungsauftrag der Kirchen. AfD-Mitarbeiter aus ihren Positionen zu entfernen, ist daher durch das kirchliche Selbstbestimmungsrecht verfassungsrechtlich gedeckt. Nach dem Arbeitsrecht muss freilich eine Kündigung personen- oder verhaltensbedingt sein; eine Mitgliedschaft oder Kandidatur für eine noch immer legale politische Partei gilt bisher grundsätzlich nicht als zulässiger Kündigungsgrund. Das ist falsch – und muss von den höchsten juristischen Instanzen korrigiert werden.
Die Kirchen wollen nicht noch einmal so versagen wie im Nationalsozialismus. Die evangelische Strömung der „Deutschen Christen“ hat damals die Nazis aktiv unterstützt und den christlichen Glauben rassistisch umgedeutet. Allein die Bekennende Kirche von Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller hat sich in der Barmer Theologischen Erklärung gegen die Verfälschung des Evangeliums durch die NS-Ideologie gewandt. Und die katholische Kirche? Der Vatikan hat 1933 das Reichskonkordat mit dem NS-Regime geschlossen; zur Vernichtung der Juden verhielt er sich passiv und schweigend. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekannten sich beide Kirchen zu ihrem Versagen und beklagten, dem NS-Regime nicht frühzeitig und entschlossen entgegengetreten zu sein. Ihre entschlossenen Reaktionen auf die Neonazismen von heute sind daher wichtig und richtig.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 24.09.2026 in der Süddeutschen Zeitung.