Das Schicksal kann so ungerecht sein: Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft ist es, gegen diese Ungerechtigkeit anzugehen.

Es ist ein ebenso bedauerliches wie ein demokratiewidriges Faktum: Das Leben beginnt ungerecht, und es endet ungerecht – und dazwischen ist es oft nicht viel besser. Der eine wird mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der Gosse. Die eine zieht bei der Lotterie der Natur das große Los, die andere die Niete. Der eine erbt Talent und Durchsetzungskraft, der andere Aids und Antriebsschwäche. Die eine ist ihr Leben lang gesund, die andere wird mit einer schweren Behinderung geboren. Die Natur ist ein Gerechtigkeitsrisiko.

Das ist weltweit so, und das ist in Deutschland so. Deshalb ist der von den Vereinten Nationen ausgerufene „Welttag der sozialen Gerechtigkeit“, der in diesem Jahr am 20. Februar begangen wird, kein Tag, der nur für von Armut geprägte Länder Afrikas und Lateinamerikas Relevanz hat. Soziale Gerechtigkeit ist ein Thema, das auch die deutsche Politik umtreibt. Die SPD will sie im neuen Grundsatzprogramm, das 2027 verabschiedet werden soll, neu ausbuchstabieren. Es geht dabei um inklusive Politik und um sozialen Schutz – genau das ist auch Thema des diesjährigen UN-Welttags der sozialen Gerechtigkeit.

In einem alten Lied heißt es: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alle gleich.“ Am schönsten hat das einst Marlene Dietrich gesungen. Wenn sich so eine Stimme rau ins Ohr schmeichelt, glaubt man das fast. Trotzdem ist es eine Lüge. Das Schicksal ist kein redlicher Schreiner, der die ungehobelten Unterschiede glättet. Das Schicksal ist ein launischer Künstler. Es setzt das Messer an und schnitzt sehr unterschiedliche Leben. Wenn es einen guten Tag hat, kommt eine wunderbare Form dabei raus. Aber wehe, es hat einen schlechten Tag. Dann passieren ihm Schnitzer, die ein Leben verunstalten.

Das Leben ist kein Wunschkonzert? Richtig. Aber es ist eben Leben, und zwar das einzige, das man hat.

Manche Lebensläufe kommen einem so vor, als hätte das Schicksal gleich zu Beginn die Lust verloren, etwas Gescheites aus dem Holz zu machen. Es gibt nichts Ungerechteres als das Schicksal. Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet, das krankheits- und behinderungsfreie Leben auch nicht, die geordnete soziale Welt, in die er hineingeboren wurde, ebenso wenig. Das Schicksal hat ihm das zugeteilt. Es teilt dabei ungerecht aus. Es geht also, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, auch um Schicksalskorrektur. Inklusion ist ein Name für dieses Projekt.

Kurze Beispiele: Celina ist im Drogenrausch gezeugt, Vater unbekannt, ihre Mutter hat die Schwangerschaft erst kurz vor der Geburt bemerkt, sagt sie. Die Kleine liegt oft stundenlang im eigenen Dreck und schreit vor Hunger. Wenn dem Freund ihrer Mutter die Geduld ausgeht, schüttelt er sie. Und Hamid, der hatte sein Zuhause, sein Zimmer, sein Bett, sein Spielzeug, dann fielen die Schüsse und die Panzer rollten und seine Eltern packten ihn und flohen Hals über Kopf ins Ungewisse. Und Alina: Sie war Schulbeste im Sport; sie hat begeistert Cello gespielt. Dann kam der Krebs. Die Chemotherapie hat ihre Gelenke zerstört. Sport? Geht nicht mehr! Cellospielen? Geht auch nicht mehr. Schließlich hat auch noch Corona die junge Frau aus der Bahn geworfen.

Schicksal, sagen da manche und kratzen den Juckreiz weg, den die ungerechte Ungleichheit der Lebenslagen macht. Man könne sich die Eltern eben nicht aussuchen, das Leben sei auch kein Wunschkonzert. Richtig. Aber es ist eben Leben, und zwar das einzige, das man hat. Das gesellschaftliche Gewissen muss den Juckreiz spüren, solange es so belastete Leben gibt. Schicksal ist keine Entschuldigung fürs Nichtstun, sondern eine Aufgabe für die Gesellschaft. Erst wenn sie diese Aufgabe annimmt, wird sie wirklich zur Gesellschaft.

Du hast auch Stärken, die wir fördern wollen!

Behinderungen jeglicher Art sind ungerecht. Inklusion kämpft an gegen diese Ungerechtigkeit. Inklusion kümmert sich zunächst um den Abbau von greifbaren Barrieren; das Behindertengleichstellungsgesetz beispielsweise, das derzeit reformiert wird, verlangt von Anbietern von Gütern und Dienstleistungen „angemessene Vorkehrungen“, damit Menschen mit Behinderung Zugang zu den Angeboten haben. Reicht das? Ist das konkret genug?

Gehörlose Menschen sind ohne Hilfsmittel von lautsprachlicher Kommunikation ausgeschlossen. Blinde Menschen erleben ihre Barrieren im Straßenverkehr. Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen stellen starre Regelungen oder Fristen eine Barriere dar. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist die Komplexität der Laut- und Schriftsprache eine Barriere. Der Abbau dieser Barrieren ist eine demokratische Aufgabe.

Inklusion heißt: Nicht der Mensch mit Behinderungen passt sich an, sondern die Gemeinschaft sorgt dafür, dass ihre Angebote für alle zugänglich sind. Inklusion heißt: Du gehörst dazu, deiner Handicaps zum Trotz. Und: Du hast auch Stärken, die wir fördern wollen, du gehörst zu den Zukunftsgestaltern – und die Gesellschaft will alles dafür tun, dass du da mitmachen kannst.

Wie der innere Frieden zu erreichen ist

Gewiss, es gibt kein Recht auf ein perfektes Leben, auf den gesunden Körper, auf die unbelastete Psyche, auf den idealen Vater oder ein reiches Elternhaus. Aber es gibt ein Recht auf Hilfe, dem Schicksal der Ausgrenzung oder Behinderung zu entkommen. Das ist Menschenrecht. Das ist das Bewusstsein, das lebendig sein und bleiben muss. Und das führt dann zum inneren Frieden.

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“: Dieser Satz des Grundgesetzes ist wichtig und richtig – braucht aber eine positive Aufladung, eine andere Tonalität. Inklusion bedeutet nämlich nicht nur das gute Umgehen mit den Behinderungen und Defiziten. Inklusion verlangt auch, die Talente, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen mit Behinderungen gut zu nutzen. Das Benachteiligungsverbot sollte daher weitergeführt werden, nämlich so: „Jeder und jede möge für seine Stärken geschätzt werden. Jeder und jede möge mit seinen Fähigkeiten für die Gesellschaft wichtig sein.“ Ein guter Sozialstaat tut also, etwa wenn es um Schule und Ausbildung geht, zweierlei: Er hilft erstens, Defizite junger Menschen aufzufangen und auszugleichen. Und er hilft zweitens, die Stärken junger Menschen zu erkennen, zu nutzen und sie auszubauen. Das ist der Wert, das ist der Mehrwert der Inklusion.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 12.02.2026 in der Süddeutschen Zeitung.