Der Amerikanismus und der Antiamerikanismus prägen die deutsche Jugendkultur seit 70 Jahren. Damals kam der Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ in die deutschen Kinos.
Vor siebzig Jahren waren die Jugendlichen halbstark; heute ist es der Präsident der USA. Einer der großen und vorbildprägenden US-Halbstarken-Filme hieß auf Deutsch „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er kam 1956 in die Kinos der Bundesrepublik; es war ein Film mit James Dean in der Hauptrolle, in dem er als junger Rebell mit aufsässiger Attitüde um Liebe und Anerkennung ringt. Der Titel passt heute zum alten Donald Trump und seiner Clique. Trump und Co. sind die grotesk Halbstarken des 21. Jahrhunderts: Denn sie wissen nicht, was sie tun.
In Deutschland war die Halbstarken-Bewegung die erste Jugendbewegung der Nachkriegszeit; sie war ein gesamtdeutsches Jugendphänomen – mit unterschiedlicher öffentlicher Sichtbarkeit und politischer Einordnung in beiden deutschen Staaten. Ein Kultfilm, der im Juli und August 1956 mit Horst Buchholz und Karin Baal in Westberlin gedreht und Ende September uraufgeführt wurde, hieß explizit „Die Halbstarken“. Es war ein rabaukig inszenierter Jugendkrimi. Das DDR-Pendant der Filmgesellschaft Defa in Babelsberg hieß „Berlin – Ecke Schönhauser“. In der westdeutschen Umgangssprache wurde das Wort Halbstarke abwertend für aggressiv auftretende Jugendliche aus der Arbeiterklasse gebraucht. In der DDR wurde das Phänomen zunächst offiziell geleugnet, dann propagandistisch als westliches Übel gedeutet.
Das Motorrad, die Nietenhose, die Lederklamotten
Die Halbstarken: Wem es damals in der familiären Idylle der jungen Bundesrepublik zu eng war und zu spießig (Loewe-Opta warb mit dem Slogan „Fernsehen vereinigt die Familie“), wer Freiheit, Härte und Coolness suchte, wer daher mit Motorrad oder dem Moped auf- oder ausbrach, wer Lederklamotten trug, sich zwar männlich, aber gar nicht mehr zackig, sondern lässig gab – der war ein Halbstarker. Er hatte seine Hände in der „Nietenhose“ (wie die Jeans damals hießen), die Füße in Cowboystiefeln, die Zigarette im Mundwinkel und die Elvis-Tolle auf dem Kopf. Es handelte sich ganz überwiegend um männliche Jugendliche aus Arbeiter- und unteren Angestelltenschichten mit einem Volksschulabschluss und in einer Lehre, also schon früh mit eigenem Einkommen – und mit amerikanischen Vorbildern; Marlon Brando und James Dean verkörperten in ihren Filmen die jugendlichen Rebellen, sie waren stil- und mentalitätsbildend.
Die Halbstarken-Bewegung der 1950er- und frühen 1960er-Jahre war die einzige Jugendbewegung der Bonner Republik, die proletarisch-rebellisch verankert und getragen war; sie war keine explizit politische Bewegung, sie verkörperte aber, wie die späteren Jugendbewegungen auch, einen Generationenkonflikt; ihre cool-raue Männlichkeit war auf der Straße und in der Kneipe zu Hause; die bürgerlichen Teenager waren derweil in der Schule, im Vereinsheim, im Pfarrheim, im Jugendheim oder in der Mensa. Die Rebellion aus dieser Schicht, die Rebellion der 68er, kam erst später und definierte sich dann als explizit ideologische Revolte, als Aufstand gegen Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg, den Kapitalismus und das Verschweigen der NS-Vergangenheit; sie war eine Revolte aus der bürgerlichen Mittelschicht.
Die Halbstarken-Bewegung dagegen war kraftmeierisch, aber nicht revolutionshuberisch. Nach Filmen wie „Außer Rand und Band“ mit Bill Haley und nach Rockkonzerten zogen bisweilen Gruppen von Jugendlichen randalierend durch die Straßen; die Zeitungen dramatisierten das zu „Halbstarkenkrawallen“; zu Krawallen wurden sie aber oft erst durch das eskalierende, noch wehrmachtsgeprägte Verhalten der Polizei.
Soldatensender lieferten den Soundtrack für eine Jugendkultur, die bald antimilitaristisch wurde
Die Jugendzeitschrift Bravo, die Ende August 1956 erstmals erschien, überführte das Rebellische der Halbstarken in eine breiter akzeptierte, weniger konfrontative Szenerie. Bravo wurde zum zentralen Vermittler erst des Rock ’n‘ Roll, dann der Beat-Musik und prägte jahrzehntelang den Musikgeschmack der Jugendlichen, die jetzt Teenager hießen – und sich die riesigen Porträts der Popstars, „Starschnitt“ genannt, übers Bett hängten. In der Beziehungs- und Sexualberatung des Magazins holten sich viele Leserinnen und Leser die Aufklärung, die sie von ihren Eltern nicht bekamen. Die Bewunderung der ersten Nachkriegsgeneration für alles Amerikanische, für Coca-Cola, für „Rock around the Clock“ und US-Mode – das alles war den Erwachsenen der Weltkriegsgeneration suspekt. Sie nannten den Jazz „Negermusik“ und den Rock ’n‘ Roll „Buschmusik“. Aber die Jugendlichen waren glücklich damit und lehnten sich auf gegen die antiamerikanischen Ressentiments der Altvorderen.
Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsender ignorierten englischsprachige Rock- und Popmusik lange Zeit. Teens und Twens wanderten daher ab zur Radio Luxemburg, zu BFBS (British Forces Broadcasting Service) und AFN (American Forces Network). Die beiden Militärsender spielten aktuelle angloamerikanische Chart-Songs, während das deutsche Radio weitgehend Schlager und brave Unterhaltung sendete. Die Soldatensender schufen damit ein Paradoxon: Sie lieferten den Soundtrack für eine deutsche Jugendkultur, die sich dann bald antimilitaristisch und pazifistisch orientierte.
Jim Hendrix’ Version der US-Hymne wirkt heute wie ein wütendes Statement aus dem Jenseits
Zu den Beatles und den Rolling Stones kamen Pink Floyd, Led Zeppelin und The Doors, dazu die Songs von Bob Dylan und Joan Baez; deutsche politische Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt, Wolfgang Neuss, Hanns Dieter Hüsch und Dieter Süverkrüp lieferten die Hintergrundmusik in Studentenkneipen und prägten Festivals wie das auf der Burg Waldeck im Hunsrück – angezogen und zugleich abgestoßen vom „american way of life“. Aus alledem mischte sich der Sound von Achtundsechzig. Achtundsechzig: Das war ein wildes, wohliges und mächtig ungebärdiges Grundgefühl.
Dreizehn Jahre nach James Dean und dem begeisterten Amerikanismus der Halbstarken-Bewegung wurden der politische Antiamerikanismus und der Protest gegen den Vietnamkrieg zu einem Treibsatz für die 68er-Bewegung – die wiederum von US-Superstars wie Jimi Hendrix begleitet und geleitet wurde: Seine verzerrte und jaulende Gitarrenversion der US-Nationalhymne, gespielt beim Woodstock-Festival, war ein schriller Protest gegen den Vietnamkrieg. Heute wieder gehört, klingt sie wie ein wütendes Statement aus dem Jenseits gegen den uralt und absurd Halbstarken Donald Trump.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 13.08.2026 in der Süddeutschen Zeitung.