In ihren Verfassungen legten die Bundesländer vor 80 Jahren fest, die Schülerinnen zur „Friedensliebe“ zu erziehen. Eine solche Friedenserziehung bedeutet: Bildung in der Kunst des Kompromisses. Sie ist Schule der Neugier, die dem anderen begegnet, ohne gleich zu werten.

Verfassungen sollen so sein, dass sie die Verfassung der Bürgerinnen und Bürger nicht ruinieren. So hat das einmal ein Spötter formuliert. Nach solchem Spott war den Menschen nicht, als vor achtzig Jahren im damaligen Württemberg-Baden, in Hessen und in Bayern die Arbeiten an neuen Landesverfassungen begannen. Der Ruin war schon da, Deutschland lag in Trümmern, Schutt und in Elend. Die von der US-Militärregierung eingesetzten Gremien zur Vorbereitung der Verfassungen machten sich mit großem Ernst und mit dem Willen ans Werk, einen demokratischen Neubeginn zu markieren; das war mehr als zwei Jahre bevor an ein Grundgesetz überhaupt gedacht wurde. Die Landesverfassungen, die damals entstanden, wurden geschrieben in einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung; sie sind Liebeskummerbriefe und eindringliche Mahnungen zum Frieden und zur Versöhnung.

Das Jubiläumsjahr 2026 ist daher Anlass, die einschlägigen Seiten der Landesverfassungen zu entdecken, die Wünsche und Visionen des neuen Anfangs – und sich Gedanken darüber zu machen, wie die dort verlangte Friedenserziehung heute aussehen könnte. In der Bayerischen Verfassung wird der Auftrag erteilt, den kommenden Generationen „die Segnungen des Friedens“ dauerhaft zu sichern. Die Jugend sei zur „Friedensliebe“ zu erziehen, heißt es in der Verfassung des heutigen Landes Baden-Württemberg, „zur Friedensgesinnung“ heißt es in der Verfassung von Nordrhein-Westfalen und zur „Friedfertigkeit“ in den Verfassungen der neuen Bundesländer Brandenburg und Thüringen.

In der Landesverfassung von Hessen steht, etwas altbacken, aber griffig und klar verständlich formuliert, wie das gehen könnte: „Der Geschichtsunterricht muss auf getreue, unverfälschte Darstellung der Vergangenheit gerichtet sein. Dabei sind in den Vordergrund zu stellen die großen Wohltäter der Menschheit, die Entwicklung von Staat, Wirtschaft, Zivilisation und Kultur, nicht aber Feldherren, Kriege und Schlachten.“ Dieser Wortlaut ist bis heute nicht geändert worden. Man mag bei diesen Sätzen lächeln; aber es ist nicht zum Lachen. Die Verfasserinnen und Verfasser dieser Verfassung wollten nach den Verbrechen des Nationalsozialismus den Schulunterricht ausdrücklich auf Demokratie, Toleranz und eine Abkehr von militaristischer Geschichtsverklärung verpflichten.

Früher wurde das Sterben im Krieg zum Heldentod verklärt

Es ging und es geht um die Umkehrung der staatlich organisierten Erziehung zum Krieg, der bis 1945 viele Generationen ausgesetzt waren; sie hat das Sterben im Krieg zum Heldentod verklärt. „Wir sind vollgestopft mit Basisgeschichten der Gewaltverklärung – nicht ihrer Ächtung“, schreibt der Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer: „Das alles gehört zu unserer kulturellen Ausstattung.“ Friedenspädagogik, wie die Landesverfassungen sie sich wünschen, ist also der Versuch und die Forderung nach einer kulturellen Neuausstattung. Das ist kein leeres Gerede, das hat Gewicht, das muss Gewicht haben: Das Schulwesen wird vom Bundesverfassungsgericht zum Kernbereich der Eigenstaatlichkeit der Länder gezählt. Friedenspädagogik gehört dazu. Sie ist auch gefordert, wenn es um die Fragen geht, die junge Leute heute umtreiben, wenn sie für den neuen Wehrdienst erfasst werden.

Friedenserziehung lehrt, Gewaltchiffren zu entziffern und gewaltgeneigte Szenarien zu entschärfen. Sie kann nicht früh genug anfangen. Friedenserziehung ist nicht Konfliktvermeidung, sondern Unterricht darin, Konflikte zu erkennen, zu benennen, zu verhandeln und zu lösen – und die unlösbaren auszuhalten. Friedenserziehung ist Bildung in der Kunst des Kompromisses. Sie ist Schule der Neugier, die dem anderen begegnet, ohne gleich zu werten. Zur Friedenserziehung gehören das Sprachenlernen und das gemeinsame Musizieren. Zur Friedenserziehung gehört es, Schüler in der Schule als Streitschlichter und Mediatoren einzusetzen.

Erziehung zum Frieden heißt, den Kindern und Jugendlichen die Erfahrung zu ermöglichen, etwas wert zu sein, etwas zu können, über sich hinauszuwachsen und auch Scheitern und Misserfolge auszuhalten. Und das nicht als Ego-Shooter-Projekt, sondern als Gemeinschaftserfahrung, damit sie zugleich lernen: Auch der andere, den ich eventuell gar nicht leiden kann, ist was und kann was. Friedenserziehung ist Werteerziehung; die kann stattfinden in Themenwochen, durch Patenschaften, beim gemeinsamen Kochen nach internationalen Speiseplänen, bei Leseprojekten in Altenheimen und Kindergärten. Friedenserziehung gelingt durch das Hinterfragen von Heldenbildern, durch Diskussionen über Zivilcourage. Frieden muss gestiftet, geschaffen, gelehrt werden.

Die Lehrer brauchen dafür Lehrer. Ein Schriftsteller wie der Österreicher Martin Auer gehört zu diesen Lehrern, weil er in seinen Geschichten strukturelle Gewalt und Fatalismus für den Schulunterricht reflektierbar macht. In der Erzählung „Frieden beginnt bei dir selbst“ zeigt er, dass Krieg schon auf der Straße herrschen kann – und wirbt dafür, dass der Einzelne bewusst anders handelt, indem er sich etwa nicht in die Kreuzung hineinquetscht. Am Ende der Geschichte heißt es, dass Frieden zwar bei einem selbst beginnt, aber auch „ein bisschen Organisation“ dazugehört – also Kampagnen, Öffentlichkeit, politische Regeln.

Der neue Wehrdienst und der Bildungsauftrag der Schulen

Seit Januar 2026 werden junge Leute von der Bundeswehr zu Zwecken der Wehrerfassung angeschrieben. Sie erhalten Briefe mit Fragebögen und der Einladung zur Musterung; sie müssen sich dem Thema Wehrdienst stellen – und werden davon ungeheuer umgetrieben. Sollen sie? Können sie? Müssen sie? Dürfen sie? Warum? Und warum nicht? Das sind die Fragen für eine Friedenserziehung. Friedenserziehung heißt nicht, den Jugendlichen den Wehrdienst auszureden. Aber es gehört zum Bildungsauftrag der Schulen, Hilfe bei der Gewissenserforschung und Hilfe zur eigenständigen Entscheidung zu leisten. Bei solchen Debatten, bei solchem Ringen, müssen Ethik, Philosophie, Religion und Sozialkunde zusammenwirken, da soll projektbezogen mit den Fremdsprachenfächern und mit dem Deutsch- und Geschichtsunterricht zusammengearbeitet werden.

Bei alledem gilt die Erkenntnis des Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela: „Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern.“ So haben sich die Schöpferinnen und Schöpfer der Landesverfassungen das auch gedacht.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 26.02.2026 in der Süddeutschen Zeitung.