Manchmal ist es sogar bei politischen Sachbüchern lehrreich und von Nutzen, ein schon älteres Werk noch einmal in die Hand zu nehmen. „Werk“ ist in diesem Fall übertrieben. Es hat nur 120 Seiten und ist das Testament eines Kanzlers, der heute vor 44 Jahren die bundesrepublikanische Macht in den Griff nahm, der ein leidenschaftlicher Europäer wurde und der einer von drei Ehrenbürgern Europas ist. „Aus Sorge um Europa“ heißt das Hardcover-Buch und Kohls Sorge war schon damals, vor zwölf Jahren, groß. Heute wäre sie wohl noch viel größer.

Kohl war ein von Europa beseelter Sturkopf, ein Christophorus, manchmal auch ein Berserker; inbrünstig, temperamentvoll – aber auch sehr rachsüchtig seinen Nachfolgern gegenüber. Das alles kann man in seiner letzten Schrift lesen und sich bei seiner Werbung für ein partnerschaftliches Verhältnis zu Russland fragen, ob und wie er das heute vertreten würde. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer ist sechs Jahre nach Helmut Kohl gestorben. In ihrem politischen Leben haben sich die beiden oft heftig gestritten. In ihren jeweiligen politischen Testamenten fanden die beiden aber zusammen. „Warum nur“, fragte Vollmer kurz vor ihrem Tod in einem Interview, „fand ausgerechnet Europa, mit all seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum Zentrum einer friedlichen Vision für den bedrohten Frieden zu werden.“ Diese Vision hatte Helmut Kohl.

Helmut Kohl: Aus Sorge um Europa. Ein Appell. Das Buch hat 120 Seiten, ist 2014 bei Droemer Knaur erschienen und ist bei Amazon antiquarisch und als E-Book erhältlich.