Ostern feiert etwas Unglaubliches: Es feiert die Entmachtung des Todes. Doch das widerspricht der bitteren Erfahrung jedes Menschen.
Ostern ist ein lautes Fest: Die Glocken geben alles. Die Chöre jubeln. Und die stille Nacht ist weit weg. Aber noch lauter als die Glocken und die Chöre sind die Zweifel; sie sind an Ostern zu Hause. Warum? Weil die Golgatha-Theologie, die Lehre vom Gottvater, der seinen Sohn opfert, ein Kreuzweg voller Rätsel ist. Die Auferstehung kommt dann dazu wie des Rätsels Lösung.
Aber es ist eine Erlösung, die man sich nicht so recht vorstellen kann: Jeder weiß, was eine Geburt ist; aber was ist eine Auferstehung, und wie sieht sie aus? Das Neue Testament ist da keine Hilfe. Zwar wird dort die Weihnachtsgeschichte wunderbar beschrieben und farbig ausgemalt, samt Krippe, Windeln, Hirten und himmlischen Heerscharen. Aber die Auferstehung bleibt merkwürdig blass; sie wird angekündigt, sie wird auch als vollzogen gemeldet; aber das Ereignis selbst bleibt unsichtbar. Die Gläubigen schauen ins leere Grab. Und sie füllen die Leere mit ihren Erfahrungen von Leid und Tod und ihren Hoffnungen auf deren Überwindung.
Ostern, das Fest der Auferstehung, ist das älteste christliche Fest; es ist das höchste Fest in der liturgischen Rangordnung. Es feiert etwas Unglaubliches; es feiert die Entmachtung des Todes. Doch das widerspricht der bitteren Erfahrung jedes Menschen, welch unbezwingbare Grenze und was für ein absolutes Ende der Tod setzt. Das Oster-Bekenntnis lautet: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Aber die Konkretion dieses Bekenntnisses ist nicht lebendig. Das macht Ostern zu einem Hochfest des uneingestandenen Zweifels und zugleich zu einem Hochfest der Hoffnung darauf, dass sich das Rätselhafte, die Auferstehung, irgendwie und irgendwann konkretisiert und realisiert. Diese Hoffnung ist etwas Beglückendes; und sie läutet deshalb mit allen Glocken der Ehrfurcht, weil sie die Zweifel übertönen will. Man nennt das: Glauben.
Karfreitag ist ein Tag, an dem die Zukunft keine Zukunft mehr zu haben scheint
Das Osternest ist aus Zweifeln gebaut. Und es gibt Zeiten, in denen wird aus den Zweifeln Verzweiflung – sei es in der eigenen kleinen, sei es in der großen Welt: Weil die Hoffnung auf Besserung, auf Rettung, auf Gesundung erlischt; weil die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt, auf ein Ende der Zerstörung stirbt, weil die Hoffnung auf einen Frieden und damit auf eine Art von Auferstehung verschwindet. Dieser Verzweiflung ist ein eigener Tag gewidmet, den Festtag zu nennen man sich nicht traut, weil es nichts zu feiern gibt. Dieser Tag heißt Karfreitag. Es ist ein Tag der Trostlosigkeit, ein Tag, an dem die Zukunft keine Zukunft mehr zu haben scheint.
Es gibt zu viele Karfreitage. Die Welt blutet aus unzähligen Wunden. Die täglichen Nachrichten buchstabieren das Wort Karfreitag. Der Karfreitag ist ein Tag, der besagt: Da ist offensichtlich nichts und niemand, da ist keine Allmacht, die das Schlimme und das Schlimmste verhindert. Der Satz, der diese Erkenntnis in Worte fasst, durchschneidet als Schrei den Karfreitag: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Es ist die Klage des Jesus am Kreuz darüber, dass Gott nicht da ist, dass er nicht eingreift, dass er das Verbrechen, dass er die Verbrechen einfach geschehen lässt und geschehen ließ. Der Schrei eines Einzelnen ist der Schrei der Vielen. Es ist der Schrei derer, die ein Adolf Eichmann auf dem Gewissen hat, der Cheforganisator der Vernichtung der europäischen Juden, gegen den vor 65 Jahren in Jerusalem der Prozess begann. Der Schrei des Einzelnen ist auch der Schrei der vielen, die heute im Ukraine- und im Iran-Krieg zerbombt und zerrissen werden; es ist auch der Schrei der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken oder die von der EU in ein Ausweisungslager irgendwo auf der Welt gesperrt werden. Es ist auch der Schrei der Frauen und der Kinder, die missbraucht und vergewaltigt werden. Warum, Gott, lässt du, der du angeblich allmächtig bist, das zu? Das ist die Frage, die der Karfreitag stellt. Und die nächste Frage ist die: Gibt es dich überhaupt?
Ostern ist ein feministisches Fest – und das macht Hoffnung
Jean Paul, der Dichter der Romantik, der ein gläubiger Mensch war, hat diesen Schrei ernst genommen, hat ihn literarisch in einem Albtraum radikalisiert: Christus selbst verkündet da, dass es keinen Gott gebe. Der Text heißt „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“. Es herrscht Endzeitstimmung, die Toten erwarten ihr Urteil. Der tote Christus sinkt auf den Altar herab, die Toten fragen: „Ist kein Gott?“ Und er antwortet: „Ist keiner.“ Er habe ihn überall gesucht und nicht gefunden. Die Kinder werfen sich vor ihn und fragen: „Haben wir keinen Vater?“ Und er antwortet unter Tränen: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“ Es folgt ein kosmischer Zusammenbruch. Christus schaut ins zersplitterte Nichts und spricht es an. Aber das Nichts bleibt starr und stumm. Am Ende des Albtraums erwacht der Träumende – und seine Seele „weint vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte“. Das ist kein Gottesbeweis ex negativo. Das ist eine poetisch-spektakuläre Prozession, die vom Albtraum, vom immerwährenden Karfreitag, zurückführt in einen Zustand seliger Gottesbeziehung.
Ostern ist für die christlichen Religionen und Kirchen so etwas Ähnliches: eine Prozession auf dem festen Boden des Glaubens, eine spirituelle Selbstvergewisserung. Diese Prozession führt von der Verzweiflung des Karfreitags zu einer feierlichen Entzweiflung. Vor allem in der katholischen Kirche hat diese Prozession aber ein manifestes Defizit. Sie erkennt nicht, in welch bedeutsame Position die Frauen in der biblischen Ostergeschichte gerückt werden: Sie begleiten Jesus bis zum Kreuz, und sie sind es dann, die seine Auferstehung verkünden. Während viele Jünger bei der Kreuzigung aus Angst fliehen, bleiben die Jüngerinnen in der Nähe. Sie sind es dann auch, die als Zeuginnen am leeren Grab stehen und denen als Erste die Verbreitung der Frohen Botschaft anvertraut wird. Sie werden von der Ostergeschichte als Glaubensbotinnen ernst genommen. Das widerspricht den patriarchalen Mustern, die den Katholizismus immer noch dominieren. Ostern ist also auch ein feministisches Fest. Das ist eine österlich-beglückende Erkenntnis, die Hoffnung macht.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 01.04.2026 in der Süddeutschen Zeitung.