An dieser Stelle schreibe ich nun seit Jahren Hinweise auf Bücher, die ich Ihnen zu lesen empfehle – es sind Bücher, die nagelneu sind oder in jüngster Zeit erschienen, gelegentlich auch ältere Werke, wenn es einen aktuellen Anlass gibt, sie wieder einmal zu lesen. Von einer Publikation, von einer Zeitschrift, die ihr Erscheinen eingestellt hat, habe ich an dieser Stelle noch nie geschrieben. Heute mache ich das, weil dieser Exitus meinen Heimatstolz berührt, den Heimatstolz des Oberpfälzers Heribert Prantl. Die Zeitschrift „Die Oberpfalz. Zeitschrift für Geschichte, Volks- und Heimatkunde“ erscheint nicht mehr; sie hatte immer weniger Abonnenten, der Verleger wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Fast 120 Jahre lang ist „Die Oberpfalz“ publiziert worden, von 1907 bis 2025, im Verlag Laßleben in Kallmünz. Der Kollege Hans Kratzer hat unlängst in der SZ darüber berichtet unter der Überschrift: „Ein besonderes Journal für einen besonderen Landstrich“. Bei mir zu Hause stehen zwei Regalbretter voller Jahresbände dieser „Oberpfalz“ – die Einzelhefte eines Jahres gebunden in schönes grünes Leinen.

Der Aufklärer Johann Christoph Gottsched hat die Oberpfalz vor 250 Jahren in seiner zornigen Ode als das „wüste, raue Land“ beschrieben; diese obere Pfalz ist vom „Ruhrgebiet des Mittelalters“ übrig geblieben. Der frühere SPD-Politiker, Jurist und begeisterte Altphilologe Ludwig Stiegler, der stets einen roten Pullover trug, war sein politisches Leben lang so etwas wie ein Botschafter der Oberpfalz. Er ist im Dörfchen Vilshofen geboren, das zwischen Amberg und Kallmünz liegt, und sagt gerne: „Ich liebe Homer, weil der so oberpfälzisch ist. Stiegler meint, dass die lautmalerische Sprache Homers etwas Ländlich-Bäuerliches hat. Aber das hört man wohl nur dann, wenn man selber Oberpfälzer ist.

Ich gebe zu, dass selbst ich als Liebhaber der Zeitschrift nur noch wenige Beiträge darin gelesen habe – sie war mir zu tümlich; sie hat es nicht geschafft, die grassierende Entheimatung der Heimat zu thematisieren, die Landflucht, den Landfrust und die Depression, die in der Provinz herrschen – auch wenn die Wirtschaftskraft zum Beispiel im Landkreis Neumarkt beeindruckend hoch ist. Viele Kleinstädte, die früher heimelig-lebendig waren, sind heute wie ausgestorben – und die leeren Schaufensterhöhlen sagen einem gleich, was los ist. Viele tausend Einzelhandelsgeschäfte mussten in den vergangenen Jahren in Bayern schließen, in der Oberpfalz ist es nicht anders. Immer mehr Dörfer und Märkte haben keine Mitte, keinen Kern, kein Wirtshaus mehr, sondern in der Mitte ein Loch. Der Zeitschrift „Die Oberpfalz“ gelang es nicht, darüber und über Gegenstrategien zu schreiben. Stattdessen „Freude über den ersten Schulbus 1967“, „Der Klosterbrand in Ensdorf“ von 1940 und „Flurmale und Feldmale im Raum Haag-Leinsiedl-Rückertshof“.

Aber es gab auch Diamanten. Zum Beispiel, wenn über die Reise des Prager Reformators Jan Hus zum Konstanzer Konzil geschrieben wurde, der dort dann 1415 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete. Es war dies nicht einfach eine Anreise, es war eine Predigtreise, es war ein Triumphzug in den Tod. Der Magister Hus wurde nicht nur in der Oberpfalz begeistert empfangen, aber dort ganz besonders – etwa in Bärnau, wo ihn der Pfarrer und seine Leute auf das Liebenswürdigste begrüßten, ihn in den Pfarrhof komplimentierten, wo man ihm, noch bevor man sich in theologische Gespräche vertiefte, einen großen Humpen Wein kredenzte. Ich trinke einen großen Schluck auf die Zeitschrift „Die Oberpfalz“ zum Abschied.

Zum Artikel von Hanz Kratzer