Die kurze Krise in der spanischen Exklave taugt nicht, um schon wieder die Schicksalsarie über die angeblich zu moderate europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik zu singen. Notwendig wäre etwas viel Konstruktiveres.
Die Krise von Ceuta, die soeben die halbe Welt aufgeschreckt hat, ist schon vor gut 35 Jahren verfilmt worden – vorab also. Ansturm auf die Festung Europa! Die BBC hat damals, sehr zugespitzt, einen Film darüber gedreht. Der Film heißt „Der Marsch“ und erzählt vom Aufbruch von Menschen aus einem Flüchtlingslager. Angeführt vom charismatischen Lehrer Isa El-Mahdi zieht ein zunächst kleiner Treck Richtung Europa. Auf dem Weg zur marokkanischen Küste schwillt das Heer der Migranten auf Hunderttausende an.
Der Marsch wird zum Medienereignis, die EU-Kommissarin verhandelt mit El-Mahdi. Der erklärt ihr: „Als ich klein war, sagte man uns: ‚Wenn ihr studiert, werdet ihr eines Tages auch reich.‘ Ich studierte hart. Ich arbeitete hart. Doch mein Land wurde arm und ärmer. Eines Tages hatten wir nichts. Warum habt ihr so viel und wir so wenig? Seid ihr bessere Menschen? Es heißt, ihr in Europa habt viele Katzen. Es heißt, eine Katze kostet mehr als 200 Dollar im Jahr. Lasst uns nach Europa kommen als eure Haustiere. Wir können Milch trinken, wir können eure Hand lecken. Wir können schnurren – und wir sind viel billiger zu füttern!“
Die Phalanx der Habenichtse
Das Publikum wurde seinerzeit vor der Ausstrahlung dieses Films beruhigt: Man solle sich keine Sorgen machen, es handele sich um eine erfundene Geschichte. Dass aus der Erfindung, aus der Fiktion Realität werden könnte, das gehört zu den europäischen Albträumen, die nicht nur von Extremisten genährt werden; im nun schon wieder zurückliegenden und beendeten Ansturm, im Anschwimmen von Ceuta, sehen die Kassandraruferinnen und Kassandrarufer von der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bis zur dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen einen Zipfel dieser Realität – und denken sich die Episode von Ceuta so ähnlich zu Ende wie im Film. Bundeskanzler Friedrich Merz proklamiert und fordert den robusteren Schutz der Außengrenzen, der EU-Migrationskommissar Magnus Brunner bietet den verstärkten Einsatz von Frontex an, also der bewaffneten Sicherheitskräfte. Spanien wurde allenthalben als viel zu lasch kritisiert.
Im Film ist es so, dass sich schließlich die Phalanx der Habenichtse und das Militär des Westens gegenüberstehen; es bleibt offen, wie die Konfrontation weitergeht, man weiß nicht, wie sie endet. Feuer frei auf die Elenden? Das wäre der apokalyptische Höhepunkt einer militarisierten Flüchtlingspolitik. Und das wäre der moralische Untergang eines Kontinents, der sich das freie Europa nennt und sich als die Heimat der Menschenrechte sieht.
Sanien hat nicht lasch, sondern entschlossen, effizient und effektiv gehandelt. Es hat schnell und wirksam mit Marokko verhandelt; das Königreich im Nordwesten Afrikas, durch die Straße von Gibraltar vom europäischen Kontinent getrennt, hat daraufhin die fünfzig- bis sechzigtausend Migranten, die in die spanische Exklave Ceuta eingedrungen waren, wieder zurückgenommen. Die kurze Ceuta-Krise taugt nicht, um schon wieder die Schicksalsarie über die angeblich zu moderate europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik zu singen.
Was hat den Zustrom nach Ceuta ausgelöst?
Erstens waren die überwiegend jungen Männer, die in Ceuta ankamen, keine Asylbewerber, sondern Arbeitsmigranten; die Asylregeln waren und sind also für sie nicht anwendbar. Und zweitens sind die geltenden Asylregeln – sie sind niedergelegt im Geas, im Gemeinsamen Europäischen Asylsystem –, die seit Kurzem in Kraft sind, das Radikalste, was die EU bisher an Asylvorschriften produziert hat. Sie aus falschem Anlass und fälschlicherweise als kraftlos und unzureichend infrage zu stellen, hilft niemanden – nur den rechtsextremen Kräften. Die Abwicklung der kurzen Ceuta-Krise, man darf und soll es betonen, war und ist eine Erfolgsgeschichte.
Das darf nicht davon abhalten zu fragen, wer und was den kurzen Zustrom von Zehntausenden nach Ceuta unmittelbar ausgelöst hat. Es waren wohl Falschmeldungen auf den sozialen Plattformen über eine angebliche Öffnung Spaniens für Arbeitsmigranten. Wie unterbindet man solche Falschmeldungen? Wie lässt sich dafür sorgen, dass die Plattformen zu den Fakten zurückkehren? Und wie sieht die Übernahme von Verantwortung aus für die Auslösung von Panik und Hysterie durch faktenferne Falschmelderei?
Es ist keine Falschmelderei, dass Deutschland die Entwicklungshilfe seit vier Jahren in Folge kürzt, mit dem Haushalt 2027 wird es bereits die fünfte Kürzungsrunde. Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist um mehr als ein Viertel gesunken, der Anteil des BMZ am Gesamthaushalt auf knapp zwei Prozent; das ist der niedrigste Wert seit 15 Jahren; und die humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts hat den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Die Präsidentin der Welthungerhilfe spricht vom Abschied von humanitärer Verantwortung. Die Migrationsbewegungen sind auch eine Quittung dafür.
Die einen brauchen uns, die anderen brauchen wir
Eines der großen alten Arbeiterlieder beginnt mit der Zeile: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt!“ Es ist dies die Klage über Hunger, Ausbeutung und Elend; und es reimt sich dort auf das „letzte Gefecht“ der Kampf um „das Menschenrecht“. Man hört sich heute diese „Internationale“ nostalgisch lächelnd oder verdrießlich grinsend an. Nostalgie und Grinserei vergehen einem, wenn man das Lied aus dem 19. Jahrhundert löst und ins 21. Jahrhundert stellt.
Die Verdammten dieser Erde – es sind heute die Migranten. Sie fliehen vor Bürgerkrieg, Folter und Verfolgung, dann heißen sie Asylbewerber; sie fliehen vor Perspektivlosigkeit, Hunger und Armut und sind auf der Suche nach Arbeit und Auskommen, dann heißen sie Arbeitsmigranten und Einwanderer. Die einen brauchen uns, die anderen brauchen wir. Perspektiven brauchen beide. Kluge europäische Politik muss diese Perspektiven schaffen. Sie muss akzeptieren und respektieren, dass Migration eine zivilisatorische Notwendigkeit ist und dass kluge Migrationspolitik in vielfältiger Hinsicht notwendend sein kann. Dies unbeirrt zu tun, statt hysterische Anti-Migrations-Agitation zu betreiben: Das ist die Aufgabe nach der Ceuta-Krise.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 06.08.2026 in der Süddeutschen Zeitung.