Es gibt Abende, an denen man schon dann, wenn man sie erlebt, ahnt, dass sie unvergesslich sein werden. So ein Abend war am letzten April-Abend im Münchner Orff-Zentrum. Der Komponist Wilfried Hiller präsentierte die Uraufführung seines Melodrams „Der Sternenverkäufer“ nach einem gleichnamigen Märchen des russischen Erzählers Alexander Kostinskij. Das Orff-Zentrum feierte auf diese Weise den 85. Geburtstag des Orff-Schülers Hiller. Und es zeigte sich, zu welchen Klängen Instrumente und zu welchen Tönen eine menschliche Stimme in der Lage sind, wenn sie von einem so genialen Komponisten gefordert werden. Hiller hat sich von Kostinskijs Märchen dazu verlocken lassen.

Auf dieses Märchen bezieht sich meine Leseempfehlung von heute: Abraham verkauft Sterne an die Juden von Beograd, an Menschen, die Angst haben, die daher mit einem gesenkten Kopf und einem krummen Rücken durchs Leben gehen, die es nicht wagen, den an ständige Demütigungen gewohnten Blick zu heben. Aber als sie, für nur eine Kopeke, ihren Stern gekauft haben, verlassen sie jeden Abend ihre Häuser, heben den Kopf, um ihren Stern zu betrachten und die Buckel verschwinden – „und Tropfen für Tropfen verließ die Angst die Menschen“. Der Autor dieses tiefsinnigen Stückes ist achtzig Jahre alt und lebt seit zwanzig Jahren in München.
Alexander Kostinskji: Der Sternenverkäufer. Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Das Büchlein mit dieser und weiteren Geschichten hat 104 Seiten, es ist 2003 im Verlag St. Michaelsbund erschienen. Es ist – einigermaßen einfach – und für billiges Geld (wenn auch für mehr als eine Kopeke) leider nur noch antiquarisch erhältlich.