Es lohnt sich, den Text wieder einmal im Original nachzulesen, und nicht nur die Chiffren daraus zu zitieren. Am kommenden Mittwoch hat, wie ich oben in meinem Newsletter erzähle, der berühmte Vortrag Max Webers Geburtstag: „Politik als Beruf“. Eine Anmerkung dazu: Webers Unterscheidung zwischen „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ erscheint mir mittlerweile dogmatisch erstarrt, sie irrt als Untote durch die politischen Diskussionen von gestern und heute. In den gegenwärtigen Debatten um Krieg und Frieden, um Aufrüstung oder Abrüstung gibt es all das, was Weber schon 1919 beklagt hat: Hitzköpfigkeit und Holzköpfigkeit, Prinzipienreiterei und Besserwisserei. 

Soeben erscheint bei Reclam eine preiswerte Neuausgabe des Max-Weber-Vortrags. Und ich frage mich: Sind Gesinnung und Verantwortung eigentlich Gegenbegriffe? Sie sind es nach meinem Dafürhalten nicht: Es gibt keine gesinnungslose Verantwortung, das wäre ein Widerspruch in sich. Es gibt kein verantwortliches Entscheiden im rechts- und moralfreien Raum, kein verantwortliches Entscheiden ohne Überzeugungen. Kurz gesagt: Man muss an das glauben, was man tut, und Rechenschaft über seine Motive abgeben können, zumal in der Politik. Zugleich gilt: Es gibt keine verantwortungslose Gesinnung. Eine verantwortungslose Gesinnung wäre Stimmung, Lust oder Laune. 

Sinnhafte moralische Prinzipien entstehen in einem Prozess, in dem man sich in Widersprüche verwickeln lässt; dazu braucht es das Nachdenken darüber, welche Wirkungen ein Handeln oder Unterlassen haben könnte. Und weil es zumeist nicht die eine Moral gibt, sondern vielschichtige, teilweise im Streit miteinander liegende moralische Maximen („Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg“) gehört es notwendig zum moralischen Handeln, immer abzuwägen und zu priorisieren – und damit nicht aufzuhören und zu meinen, man sei fertig damit. 

Max Weber sagt: „Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: ‚dennoch!‘ zu sagen vermag, nur der hat den ‚Beruf‘ zur Politik.“ Aber lesen und überlegen Sie selbst. Die preiswerte Neuausgabe des Vortrags bei Reclam ist eine gute Gelegenheit. 

Max Weber: Politik als Beruf. Mit einem Nachwort von Stefan Breuer. Das Büchlein erscheint neu am 11. Februar 2026 als Band 14906 von Reclams Universalbibliothek und kostet 4,80 Euro.