Sich zu erinnern, hat einen persönlichen, einen politischen und einen gesellschaftlichen Wert. Das Programm dieser Partei aber ist das kollektive Vergessen. Wer sie wählt, wählt den Kontrollverlust.

Wann war eigentlich „die gute alte Zeit“? War es die Zeit, als Kinderbücher wie „Der Struwwelpeter“ beliebte Instrumente der schwarzen Pädagogik waren? War sie damals, als das Wort „elterliche Gewalt“ noch im Wortsinn zu verstehen war? Dann ist die gute alte Zeit noch gar nicht so lange her. Dann gehört die Welt des Wirtschaftswunders dazu, die Zeit des Wiederaufbaus in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg also, die mit einer umfassenden Vergangenheitsabwehr einherging – die aber mit dem Grundgesetz und dem Postulat von der Unantastbarkeit der Menschenwürde begann.

Das Wunder manifestierte sich nicht in einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, sondern in Vollbeschäftigung, Schwarz-Weiß-Fernsehern, Kühlschränken, Plattenspielern, Elektroherden und Staubsaugern. Am Beginn dieser Zeit gingen die Kinder in den Städten noch über Trümmergrundstücke in ihre Schule. Am Höhepunkt dieser Zeit standen Münzfernsprecher an den Straßen und Plätzen, und vor den Telefonzellen wartete eine Schlange von Menschen auf das Zwanzig-Pfennig-Telefonat. So begann das Kommunikationszeitalter: Handys und Internet waren noch weit weg, aber die Zukunft war schon nah und die NS-Vergangenheit war fernab; sie wurde verschwiegen.

Nicht selten wird die persönliche Erinnerung zu einer Versöhnung mit sich selbst

Das Wirtschaftswunder schlug Salto, und viele der damals Jungen hielten diesen Salto für einen Salto mortale. Ihr Unbehagen an der Spießigkeit, den Klassenbarrieren und der Selbstgefälligkeit der bundesdeutsch-bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft wuchs. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, das Lied des Liedermachers und Rechtsanwalts Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965 wurde zur Metapher für bürgerliche Abgrenzung und für soziale Ausgrenzung; es war ein Lied, das sich schon ein paar Jahre vor 1968 an 68 heranschlich. Es kamen die bohrenden Fragen der Jungen nach der NS-Vergangenheit, von der die Alten nichts mehr wissen wollten. Und es kam der Spott der Jungen über „Vatis Argumente“, die immer wieder auf eines hinausliefen: „Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen“.

Wenn diese Jahre zu einer guten, vorbildlichen Zeit gehören: Was war dann das spezifisch Gute daran? Vatis Argumente – oder die Proteste dagegen? Jeder, der diese Jahre erlebt hat, erinnert sich anders. Das lehrt: Persönliche Erinnerungen sind ein Vergiss-mein-Nicht, das jeder für sich selbst gießt und pflegt. Diese Erinnerungen verändern sich; manche verblassen, viele werden selektiv geschönt und verklärt – sodass sie Trost spenden, Stärke geben, Geborgenheit schenken, Resilienz stärken. Nicht selten wird die persönliche Erinnerung zu einer Versöhnung mit sich selbst: Denn Traurigkeit über das, was eben nicht schön war (und manchmal durch Verantwortungslosigkeit und Blindheit für die Folgen verursacht wurde) wird oft verdrängt, verschwiegen, tabuisiert.

Erinnerungen können Lehren bereithalten, die vor Wiederholungsfehlern schützen

Persönliche Erinnerungen sind kein festgefügtes Archiv, sondern Ergebnis eines individuellen Gestaltungsprozesses; so werden sie zu einem Vorrat, aus dem jeder das Seine schöpft. Erinnerungen werden so zu einem emotionalen Reservoir, das dem eigenen Leben Farbe und Tiefe, Halt, Inhalt und Gehalt geben kann. Erinnerungen können Lehren bereithalten, die vor Wiederholungsfehlern schützen; sie können aber auch, wenn sie eigene Fehler vergessen, genau dazu führen. Es ist Notwendigkeit und Gefahr zugleich; jeder sucht sich das aus, was er zu seinem Zweck braucht.

In der Politik ist das nicht unähnlich: Wenn die bundesdeutsche Politik sich an die Zeit des Wirtschaftswunders erinnert, und sie tut das seit Jahrzehnten immer wieder, dann versteht sie das als Appell an Tatkraft, als Legitimation für Reformen. Helmut Kohl mochte daher das Wort vom „Wunder“ nicht sonderlich, weil es, wie er sagte, die historische Leistung des Wiederaufbaus als zufälliges Geschenk fehlinterpretiere, statt es als Ergebnis harter Arbeit zu beschreiben. Für Angela Merkel war die Wirtschaftswunderzeit Anschauungsmaterial für gelungene Krisenbewältigung; sie nutzte es als Beleg für die Stärke der sozialen Marktwirtschaft. Und wenn Friedrich Merz vom Wirtschaftswunder spricht, fordert er eine Mentalitätswende. Merz nutzt dabei die 1950er-Jahre als Spiegel für den von ihm konstatierten Verlust von Dynamik, Arbeitsmoral und Zukunftsvertrauen.

Die AfD will aus der Geschichte nicht lernen

Die AfD macht aus den Wirtschaftswunderjahren etwas völlig anderes: Sie propagiert das damalige Verdrängen der NS-Vergangenheit als das eigentliche Erfolgs- und Aufbaurezept dieser Zeit. Die AfD hält die Aufarbeitung der Nazi-Ideologie und ihrer Verbrechen, die die Bundesrepublik mühselig gelernt hat, für einen Fehler. Sie argumentiert so, als ob das Kleinreden der Nazi-Zeit und das Abwerfen der historischen Schuld dazu führt, dass die heutigen Probleme gelöst werden. Sie suggeriert dem verunsicherten Teil der Bevölkerung, dass ein Zurück zu NS-Methoden sie schützen und nach vorne bringen könne. Björn Höcke, der heimliche AfD-Vorsitzende, fordert daher eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die AfD bricht damit den bisherigen gesellschaftlichen Konsens über die Bewertung der Fakten und Verbrechen der Nazi-Diktatur. Die AfD steht für den Schwund des bisher gemeinsamen gesellschaftlichen Orientierungswissens; sie meint, das deutsche Menschheitsverbrechen, Konzentrationslager und Holocaust, ließen sich einfach abhaken und ausblenden, um so zur Normalität zurückzukehren.

Die AfD will aus der Geschichte nicht lernen. Sie hält das Gedenken nicht für eine moralische Pflicht, sondern für überflüssig und schädlich. Ein solches Auslöschen von Erinnerung aber ist ein Akt von totalitärer Gewalt. Die aktive Erinnerung an die Nazi-Verbrechen sollte, darauf hatte sich die Bundesrepublik geeinigt, auch ein Schutzschild sein für die Demokratie. Die AfD will der bundesdeutschen Demokratie diesen Schutzschild entreißen. Das Programm der AfD ist nicht Erinnerung (allenfalls die Erinnerung an „Deutschland, Deutschland über alles“), sondern die kollektive Amnesie. Das D im Parteinamen steht also nicht für Deutschland, sondern für Demenz. Wer AfD wählt, wählt die erinnerungspolitische, die kulturelle und die moralische Demenz; er wählt den Kontrollverlust.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 08.10.2026 in der Süddeutschen Zeitung.