Mit Bertha von Suttners Buch „Die Waffen nieder“ fand einst die Friedensbewegung weltweit Gehör. Heute ist sie schwach wie nie. Warum?

Es ist schade, dass es das Wort Pazifismus bereits gibt. Gäbe es das Wort noch nicht, man könnte es unbefangen neu erfinden. Es hätte dann zwar eine alte Wurzel, die in zwei lateinischen Wörtern gründet: „Pax“ und „facere“, also Frieden machen; und dieser sprachhistorische Ursprung des Wortes würde zeigen, dass es der Ausdruck einer uralten Sehnsucht ist, die heute dazu führt, auf den Frieden in der Ukraine, in Gaza und in Iran nicht einfach zu warten, sondern ein System der Befriedung kraftvoll vorzubereiten und um Mittel und Methoden zu ringen, die es dafür braucht. Es gäbe aber dann nicht die lange und überwiegend giftige Geschichte der Abwertung des Pazifismus.

„Pazifismus“ ist das Hauptwort der Friedensbewegung. Es ist ein schillerndes Wort, das verschiedene Aggregatzustände hat; es umfasst den absoluten, also einen harten Pazifismus und den relativen, also einen weichen Pazifismus. Der harte Pazifismus verweigert jeglicher Gewalt die Gegengewalt; der weiche Pazifismus kennt Ausnahmen von der Grundnorm der Gewaltlosigkeit. Zum Pazifismus gehört auch ein engagierter Antimilitarismus. Die Kritik differenziert da nicht, sie agitiert gegen alles, was Pazifismus heißt. Hinter einem neu erfundenen Wort Pazifismus gäbe es daher die Geschichte nicht, die Pazifisten meist als weltferne Schwärmer und naive Spinner bewertet hat. Gewiss: Ein neues Wort macht keine neue Politik. Aber der Sound eines Wortes, die Gefühle, die es weckt, können Politik verändern.

Im Krieg erscheint Pazifismus wahnwitzig – so schrieb einst Stefan Zweig

Die Geschichte der Friedensbewegung ist die Geschichte einer fundamentalen Paradoxie: Solange Frieden herrscht, nimmt kaum jemand die Warnungen des Pazifismus ernst; beginnt der Krieg, gelten die Mahnungen zum Frieden sofort als Verrat oder Wahnsinn. Diese strukturelle Ohnmacht beschrieb der Humanist Stefan Zweig schon 1917 in seinem Essay über Bertha von Suttner. Die geborene Gräfin Kinsky hatte 1889 den Weltbestseller „Die Waffen nieder“ publiziert, war 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden und 1914 gestorben, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Zweig schrieb: „Es ist die fast vernichtende Tragik des Pazifismus, dass er nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Kriege wahnwitzig, im Frieden kraftlos und in der Kriegszeit hilflos.“ Wenn dann aber auch noch, wie das heute bei der deutschen Friedensbewegung partiell der Fall ist, die Kritik einäugig ist und sich an Sympathie oder Antipathie für die jeweils Kriegführenden orientiert, geht ihr Kernkapital kaputt: die Glaubwürdigkeit.

Als in den Dreißigerjahren Friedensmanifeste die Unterschriften der glaubwürdigsten Menschen ihrer Zeit getragen hatten (Albert Einstein, Sigmund Freud, Selma Lagerlöf, Thomas Mann) wurde ihnen ihr Pazifismus als Marotte nachgesehen. Das ist auch heute noch so, wie die Kritik an Jürgen Habermas zeigt. Er hatte die russische Invasion in der Ukraine als mörderischen Akt der Aggression verurteilt, aber auch frühzeitig die Vorbereitung von Verhandlungen gefordert. Als Habermas dazu auch noch eine bellizistische Stimmung in der westlichen Öffentlichkeit beklagte, wurde ihm pazifistisch getriggerte Blauäugigkeit vorgeworfen.

Die Zeiten, in denen der Pazifismus den Zeitgeist prägte, waren stets kurz; zuletzt haben wir sie 1981/83 erlebt, bei den Groß-Demonstrationen gegen die atomare Nachrüstung. Heute liegt die Friedensbewegung am Boden, die Erinnerung an die Großdemos ist die Nostalgie der Grauhaarigen. Die weißen Tauben, die das Symbol damals waren, fliegen schon lang nicht mehr. Aus der einst großen Bewegung ist ein Klein-Klein vieler einzelner Initiativen geworden. Selbst Teile der AfD gerieren sich frech als neue Friedensbewegung. Da wirkt das am Marktbrunnen innig gesungene „Dona nobis pacem“ der ehrlich Friedensbewegten hilflos – und es stört manchen Gast im Eiscafé am Platz. Die Sänger und Demonstranten werden teils belächelt, teils als Putin-Versteher bezeichnet oder mit dem Satz „Frieden wollen wir doch alle“ abgefertigt – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Deutschland „die größte und gefährlichste Aufrüstung seit 1945“ erlebt. So beklagt das die neueste Ausgabe des Forschungsjournals für soziale Bewegungen; die Zeitschrift erscheint seit 1988 vierteljährlich im Verlag De Gruyter.

Die Friedensbewegung sucht nach einem glaubwürdigen Umgang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine

Die Antworten, die Autoren des Heftes geben, laufen darauf hinaus, dass es der Friedensbewegung nicht gelungen sei, kollektiv einen glaubwürdigen Umgang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine zu finden. Wer einst zu Recht „Amis raus aus Vietnam“ gerufen habe, aber heute nicht „Russland raus aus der Ukraine“ fordere, verliere die moralische Glaubwürdigkeit; das wirke sich demobilisierend aus auf die gesamte Friedensbewegung – so schreibt Pascal Beucker. In der Tat wird der Krieg Russlands immer wieder relativiert unter Verweis „auf die zu Recht scharf kritisierte Nato-Osterweiterung“, so Andreas Zumach, einer der Strategen der Friedensbewegung der Achtzigerjahre. Dies erklärt freilich nicht, warum ein Habermas, dem solche Relativierung fernlag, kein großes Echo fand. Die ökonomischen Interessen an Aufrüstung sind so stark, dass sie auch Analysen eines Habermas fressen.

Die alte Friedensbewegung wird sich überlegen müssen, wie sie aus dem energischen Protest der Jungen gegen eine neue Wehrpflicht neue Stärke ziehen kann. Und: Ein Nachdenken über eine Friedensordnung in Europa jenseits des Ukraine-Kriegs ist unverzichtbar. Aber selbst der Bundespräsident hat schon vor Jahren „alte Träume“ begraben und meinte damit „Gorbatschows Traum vom gemeinsamen Haus Europa“. Dieser Traum freilich war der Traum auch von Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker, Willy Brandt. Selbst wenn es jetzt ein sehr ferner Traum ist – man darf ihn sich von einem Putin nicht nehmen lassen. Es braucht in bitterer Zeit Utopien und Visionen. Eine neue Friedensbewegung muss sie entwickeln.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 15.10.2026 in der Süddeutschen Zeitung.