Wer zählt zu den Lichtgestalten in der Geschichte der Bundesrepublik? Ganz gewiss er: Manfred Messerschmidt. Er war zwei Jahrzehnte lang „Leitender Historiker“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamts (damals in Freiburg, heute in Potsdam). Er war der Gründer und Kopf der kritischen Militärgeschichtsschreibung. Er war ein argumentationsstarker, höflicher und fein kämpferischer Aufklärer, ein Legendenzertrümmerer. Mit wissenschaftlicher Akribie und mit rhetorischem Engagement hat er den Mythos von der anständigen Wehrmacht und der angeblich redlichen NS-Wehrmachtsjustiz entlarvt. Messerschmidt hat, als Wissenschaftler in einem militärischen Haifischbecken mit vielen der alten Kameraden arbeitend, ganz entscheidend zur Demokratisierung der Traditionspolitik der Bundeswehr beigetragen. Bis zu Messerschmidt hatten sie, die alten Kameraden, es verstanden, die NS-Wehrmacht weißzuwaschen: Die habe mit Naziunrecht, Kriegsgräueln, Kriegsverbrechen und Völkermord eigentlich nichts zu tun gehabt. Messerschmidt hat dieser Lügerei den Boden entzogen.

Und er hat dazu beigetragen, dass die Wehrmachtsdeserteure rehabilitiert wurden. Der Schriftsteller Ralph Giordano rühmte das wie folgt: „Desertion ist der Widerstand des kleinen Mannes, der Widerstand von unten. Ich schuldete die Desertion meinem Gewissen. In unserm Bruch des Fahneneids, in unserer Weigerung, dem Kriegsverbrecher Hitler zu folgen, ruht die Würde der Nation, nicht im Marsch der Wehrmacht bis in den Kaukasus, nicht in ihrer Flucht zurück in die Ruinenwüsten des eigenen Landes.“
Messerschmidt ist vor vier Jahren gestorben. Mein SZ-Kollege Joachim Käppner hat damals in seinem Nachruf geschrieben: „Manfred Messerschmidt war, um es altmodisch zu sagen, ein vornehmer Mensch, in der Seele wie im Auftreten.“ Sein „ganzheitlicher Ansatz, der die Wehrmacht eben als Teil des NS-Unrechtsstaats begriff“, habe „mühsam gegen Widerstände durchgekämpft werden müssen“. Käppner würdigte auch Messerschmidts Einsatz für die Opfer der NS-Militärjustiz, also für die „mindestens 23 000 der eigenen Soldaten, die von dieser ermordet worden waren“. Ihre Rehabilitierung sei „vor allem Verdienst dieses großen Forschers“. Die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin ist es, die ihn nicht zuletzt deswegen als „Lichtgestalt“ bezeichnet.
Zu seinem hundertsten Geburtstag ist nun ein verdienstvolles, ja rühmenswertes Buch erschienen, das die historische Aufklärungsarbeit Messerschmidts über das deutsche Militär „in Zeiten des Militarismus und der grenzenlosen Inhumanität in der NS-Zeit“ als „eine der Voraussetzungen für die Entstehung einer Zivilgesellschaft und einer Friedenskultur in der zweiten deutschen Demokratie“ beschreibt. So urteilt Wolfram Wette, Messerschmidts Nachfolger. Und Wette setzt bekümmert fort: „Heute müssen wir befürchten, dass die lange Friedensphase der jüngsten deutschen Geschichte abgelöst wird von einer neuen Zeit, die dem Leitbegriff ‚Kriegstüchtigkeit‘ folgt.“ Das Messerschmidt-Buch ist daher auch ein wirklich packendes und mahnendes Buch zur Zeitgeschichte.
Wolfram Wette, Günter Knebel, Detlef Garbe (Hrsg.): Manfred Messerschmidt. Historiker, Aufklärer, Vorbild. Das Buch mit Beiträgen von 29 Autoren und mit vielen Texten Messerschmidts ist erschienen als Band 56 der sehr verdienstvollen Schriftenreihe „Geschichte & Frieden“ des Donat-Verlags in Bremen. Es hat 336 Seiten und kostet 29,80 Euro.