Ein guter Freund, er ist ein gescheiter und hochgelehrter USA-Kenner, hat mir zu meinem Geburtstag dieses Buch über die Geschichte der amerikanischen Verfassung geschenkt und es in den allerhöchsten Tönen gelobt. Das ist nun zweieinhalb Monate her – und jetzt, 743 Textseiten später, weiß ich, wie Recht er hatte. Das Buch ist ebenso dick wie brillant. Ich habe, erst beim Blättern, dann beim Lesen, rote Backen gekriegt vor Begeisterung. Als Autor, der selbst gern verfassungsrechtlich argumentiert und der die Grundrechte liebt, habe ich das Buch nach der Lektüre mit Respekt vor der Autorin, der Harvard-Historikerin Jill Lepore, zurück an den besten Platz im Regal gestellt. Lepore publizierte, kurz vor dem 250. Jahrestag der US-Unabhängigkeitserklärung, ein Sachbuch, das ein Reißer ist.

Sie schreibt über das Auf und Ab, das Hin und Her von Macht und Recht. Es ist ein Drama. Ich habe viel gelernt durch dieses Buch. Lepore legt Wert darauf, die Perspektiven der Gruppen darzulegen, die bei der Entstehung der US-Verfassung im Jahr 1787 ausgeschlossen waren, deren gesellschaftlicher Druck aber dann maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Verfassung durch Zusätze, die Amendments, weiterentwickelt werden konnte. Und ich habe gelernt, welche destruktive Kraft heute der sogenannte Originalismus hat: Das ist die heute vorherrschende tiefkonservative Methode zur Auslegung der US-Verfassung. Sie besagt, der Text müsse genauso ausgelegt werden, wie er zum Zeitpunkt seiner Entstehung verstanden wurde: Was wollten die Gründerväter mit einer bestimmten Formulierung bezwecken? Wie hätte ein verständiger Bürger im späten 18. Jahrhundert die Wörter in einem Gesetzestext verstanden? Donald Trump ist ein Exzessiv-Originalist: Für ihn gilt die Verfassung nur so, wie es ihm passt und nutzt.

Jill Lepore: We the people. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. Das Buch ist 2026 im Verlag C.H. Beck erschienen. Es hat, samt den umfangreichen Anmerkungen, 920 Seiten und kostet 48 Euro.