„Pro Asyl“ feiert Jubiläum. Der Verein ist ein Influencer, der gern mehr guten Einfluss hätte, er ist eine Stimme der Humanität. Sein Motto: Der Einzelfall zählt.
Von Heribert Prant
Die Wahl in Sachsen-Anhalt und die hohen AfD-Prozente dort beherrschen die politische Debatte. Zwei Tage nach dem Wahlsonntag feiert ein Verein sein 40-jähriges Bestehen, der auf der braunen Liste der AfD rot markiert ist. Dieser Verein mit Sitz in Frankfurt und Berlin verkörpert nämlich das, was den Rechtsextremisten besonders zuwider ist – und er bringt das in einem Namen zum Ausdruck, der ihnen verhasst ist: Der Verein heißt nämlich „Pro Asyl“. Sein Motto: Der Einzelfall zählt.
Der Einzelfall zählt – und die zigtausendfache Addition dieser Einzelfälle: Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit den Flüchtlingen umgegangen ist. Man wird es daran messen, was es getan hat, um Staaten im Chaos wieder zu entchaotisieren. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um entheimateten Menschen ihre Heimat wiederzugeben. Das ist eine gigantische Aufgabe, die von Politik und Gesellschaft ein großes Umdenken verlangt. Organisationen wie Pro Asyl und ihr Gründer, der evangelische Geistliche Jürgen Micksch, haben auf diese Probleme schon hingewiesen, als sie noch kaum jemand erkennen wollte – als die deutsche Politik glaubte, eine Grundgesetzänderung reiche aus, um ihrer Herr zu werden.
Das neue europäische Asylsystem als „Frontalangriff“
Diese Bundesarbeitsgemeinschaft wurde am 8. September 1986 gegründet als Zusammenschluss von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Menschenrechtsorganisationen; es verbindet sie die Überzeugung, dass es Pflicht einer demokratischen und humanen Gesellschaft ist, Geflüchtete und verfolgte Menschen zu schützen. Deshalb kritisiert Pro Asyl jetzt das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem GEAS, das seit dem 12. Juni 2026 gilt, als „Frontalangriff“ auf den Flüchtlingsschutz: „Die Reform wurde als Lösung für die Probleme des europäischen Asylsystems angekündigt. Tatsächlich drohen jedoch mehr Grenzverfahren, mehr Lager an den Außengrenzen und mehr Einschränkungen für Schutzsuchende.“
Pro Asyl ist ein Influencer, der gern mehr guten Einfluss hätte. 1992/93 hat der Verein den Abschied vom alten Asylgrundrecht des Grundgesetzes nicht verhindern, sondern nur begleiten und betrauern können. Pro Asyl hat eine flüchtlingsfeindliche Politik, eine Politik kontra Asyl, nicht aufhalten und umkehren, aber sehr wohl thematisieren und anprangern können.
Wir weigern uns, die Entrechtung von Schutzsuchenden als neue Normalität hinzunehmen.
Erklärung von Pro Asyl zum Jubiläum des Vereins
Ohne diese Organisation wäre die Stimme der Humanität leiser in diesem Land. Sie hat dafür gesorgt, dass das Gewissen wach bleibt. Pro Asyl ist ein Gewissensrüttler; denn ein eingeschlafenes Gewissen lässt sich leichter abschieben als ein waches. „In Zeiten der zunehmenden Angriffe auf Menschenrechte und Flüchtlingsschutz müssen der Rechtsstaat und die Rechte von Flüchtlingen verteidigt werden“, erklärt Pro Asyl zum Jubiläum. Und auch: „Wir weigern uns, die Entrechtung von Schutzsuchenden als neue Normalität hinzunehmen. Wir widersprechen einer Politik, die Leid und Tod an den Grenzen hinnimmt und die Aushöhlung von Recht als Handlungsfähigkeit verkauft. Rechtsbindung ist kein Hindernis, Flüchtlingsschutz ist kein Gnadenakt, sondern eine rechtliche, politische und moralische Verpflichtung.“
Das Herz und der Kopf von Pro Asyl war zweieinhalb Jahrzehnte lang der evangelische Pfarrer Jürgen Micksch. Er war vor vierzig Jahren einer der zwei Gründer. Damals war er Mitte vierzig und Ausländerreferent der Evangelischen Kirche Deutschlands sowie Vizedirektor der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See. Heute ist er 85 und Ehrenvorsitzender von Pro Asyl; sein Verein ist eine der gewichtigsten Menschenrechtsorganisationen in Deutschland geworden. Die Nichtregierungsorganisation hat vierzig hauptamtliche Mitarbeiter, der Förderverein Pro Asyl zählt 25 000 Mitglieder.
Der Einzelfall zählt: Wie wirksam es ist, den Menschen den Einzelfall nahezubringen, hat Jürgen Micksch ganz am Anfang seiner Flüchtlingsarbeit selbst erlebt: Als in Tutzing, seinem damaligen Arbeitsort, Geflüchtete untergebracht werden sollten, Palästinenser, kam es dort zu Anwohnerprotesten. Micksch organisierte ein Treffen von Bürgern und Flüchtlingen; diese berichteten dann mithilfe von Übersetzern über ihre Fluchtgründe: vom Elend, in dem sie lebten; von der Gewalt, der sie ausgesetzt waren. Die Bürger blieben skeptisch; es könnte ja alles gelogen sein. Ein Vater erzählte von seinem Sohn, dem in den Fuß geschossen worden sei, der Junge stand neben ihm. „Zeig mal“, sagte der Vater. Da krempelte der Junge sein Hosenbein hoch und zog den Schuh aus. Und die Tutzinger Bürger sahen die Wunde.
Den Extremisten nicht nachgeben
„Das hat die Stimmung im ganzen Ort verändert“, erinnert sich Micksch. Die Bürger glaubten die schlimmen Geschichten nun und wollten helfen: Sie sammelten Spielzeug und Kleidung für die Neuankömmlinge, sie sahen in ihnen die in Not geratenen Menschen, nicht länger die Bedrohung, den Störenfried. Das ist der Stimmungswandel, den Pro Asyl bewirken will.
Der Verein glaubt daran, dass das funktionieren kann, wenn die demokratischen Parteien nicht den Extremisten nachgeben. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, das ist der immer wieder zitierte Satz von Erich Kästner. Er passt zum Jubiläum von Pro Asyl und zur Arbeit dieses Vereins. Es ist geboten, an diesem Sachsen-Anhalt-Wahlsonntag noch einen anderen Satz von Erich Kästner zu zitieren – den Satz vom Schneeball und der Lawine, den er am 10. Mai 1958 in Hamburg formuliert hat, in seiner Rede zum 25. Jahrestag der NS-Bücherverbrennung: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten.“ Die demokratische Politik in der Bundesrepublik hat das bisher in ihrem Umgang mit den Rechtsextremisten versäumt.
