Was ist dann zu tun? 81 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus befindet sich Deutschland in der Situation eines ehemaligen Alkoholikers; wenn der wieder zur Flasche greift, wird es gefährlich.

Von Heribert Prant

„Manchmal hält die Demokratie böse Überraschungen bereit.“ So schreibt Simon Gronowski über Hitlers Wahlerfolge in der Weimarer Republik, über dessen Machtübernahme im Jahr 1933 und über die Schrecklichkeiten, die dann folgten. Simon Gronowski ist ein 94-jähriger belgischer Rechtsanwalt, dessen Buch „Absprung ins Leben. Plädoyer für den Frieden“ soeben auf Deutsch erscheint. Gronowski ist 1943, als Elfjähriger, angeleitet von seiner Mutter, aus dem 20. Deportationszug nach Auschwitz gesprungen. Es war ein Transport, der von der SS-Sammellager-Kaserne Mechelen ausging, ein Transport mit mehr als 1600 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Nur ganz wenige haben überlebt, Simon Gronowski ist einer von ihnen. Seine Mutter und seine Schwester wurden in Auschwitz ermordet.

Ein Flyer gegen die Rechtsextremisten

Seine nur 112 Seiten umfassende Schrift ist kein Bericht über die Nazi-Verbrechen, sie stellt nicht das Trauma in den Vordergrund. Sie ist ein Plädoyer gegen den Hass – unprätentiös, unpathetisch, schlicht und verständlich. Dieses Büchlein zur Verteilung zu bringen, wäre vielleicht wirksamer, als Flyer mit der Wahlwerbung der demokratischen Parteien in die Briefkästen zu werfen.

Ja, manchmal hält die Demokratie böse Überraschungen bereit: Das gilt nicht nur für das Jahr 1933; das gilt auch für das Jahr 2026 in Deutschland und in Europa. In Sachsen-Anhalt steht eine Partei vor einem Wahlsieg, die von „Umvolkung“ redet, deren Ehrenvorsitzender die Nazis und ihre Verbrechen als einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet, in der ein Bundestagsabgeordneter dieser Partei sich als „demokratischer Freisler“ und als „das freundliche Gesicht des NS“ beschreibt, bei der maßgebliche Funktionäre Hitler-Verherrlichung betreiben und die Erinnerungskultur verächtlich machen. In Sachsen-Anhalt entwickelt sich die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Siegmund, wie Wahlbeobachter sagen, zu einer Art „Bewegung“. Das schmale Buch von Simon Gronowski könnte die Leitschrift der Gegenbewegung sein.

Die Pflicht zum Erinnern ist kein Klagelied, sondern ein Akt des Widerstands und des Glaubens an die Zukunft. Auch diese Erkenntnis findet sich in seinem Buch. Er ist, wie er schreibt, wohl „der einzige Überlebende, der von seinem Nazi-Peiniger um Vergebung gebeten wurde. Ich habe ihm vergeben“. Wie das zuging – auch das schildert er in seinem Buch. Sein Anliegen ist nicht die Weiterverbreitung der NS-Zeit, sein Anliegen ist es, „gegen Hasspredigten anzukämpfen“. Damit ist er beim Heute, damit ist er bei den Holocaust-Leugnern: „Sie sind keine Verrückten, sondern gefährliche Menschen, Nazis, Neonazis, die die Verbrechen von gestern leugnen, um morgen neue zu begehen.“

Demokratie ist mehr als eine Abstimmungsprozedur, sie ist eine Wertegemeinschaft

„Aber wenn die doch gewählt werden“, so heißt es immer wieder in den Diskussionen über eine Partei, in der sich solche Leute hervortun. Wenn so eine Partei gleichwohl so viele Stimmen bekomme – dann müsse man das doch akzeptieren und respektieren, wird gesagt; so sei halt Demokratie. Ist das wirklich so? Nein, so ist Demokratie nicht. Demokratie ist mehr als eine Abstimmungsprozedur, sie ist eine Wertegemeinschaft. An der Spitze dieser Werte steht die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Wenn eine Partei oder Teile dieser Partei die Werte verachten, wenn dort Feindschaft gesät, wenn dort Hass und Rassismus gepredigt werden – dann hat das mit der Demokratie und ihren Werten nichts zu tun, dann ist das eine Kampfansage an das Grundgesetz, dann ist das verfassungsfeindlich. Der Satz von der Unantastbarkeit der Menschenwürde ist nicht einfach nur Verfassungspathos. Er verlangt ihren Schutz und er hat Auswirkungen auf den Umgang mit denen, die diesen Schutz leugnen.

81 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus befindet sich Deutschland in der Situation eines ehemaligen Alkoholikers. Wenn der wieder zur Flasche greift, wird es gefährlich. Erinnerung ist die Unruhe, die einen da packt. Erinnerung ist da die Pflicht zum Widerstand.

 


 

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