Barbara Honigmann, geboren 1949 in Berlin, ist nicht einfach nur Schriftstellerin, sondern Erzählkünstlerin; sie kann so wunderbar und so viel erzählen aus der europäisch-jüdisch-kommunistischen Welt des 20. Jahrhunderts, die Teil ihrer Familiengeschichte ist. „Kulturjuden“ nennt sie ihre Protagonisten. Von ihnen handelt ihr neues kleines und feines Büchlein, das drei Prosastücke enthält, die sich mit Lebenswegen in der jüdischen Diaspora, mit Verfolgung, Exil und auch den schwierigen Identitätsfragen der jüdischen Nachkriegsgeneration befassen.
Honigmann schreibt über exemplarische Schicksale des 20. Jahrhunderts, über Schicksale zwischen hohen Idealen und tiefer Verzweiflung; die Erzählkünstlerin kann Tragisches so komisch und mit feinem Humor erzählen, dass man sich immer wieder über den Lebenswillen und den Lebensmut der von ihr Porträtierten freut – und gebannt weiterliest. Honigmann schreibt mit Esprit; bildhaft, lebensnah und mit zärtlicher Sachlichkeit.

Das Hauptstück des Buches handelt, titelgebend, von Mischka, der Mit- oder Nebenmutter der Autorin, die diese Mischka in den frühen Siebzigerjahren oft von Ostberlin aus in Moskau besucht hat – und an deren Küchentisch der Zweizimmerwohnung sie, die damalige Studentin der Theaterwissenschaft, den Germanisten und Schriftsteller Lew Kopelew, die Publizistin Jewgenia Ginsburg und andere schillernde Gestalten der Moskauer Intelligenzija kennengelernt und von deren Geschichte, vom Gulag, von Verbannung und Lagern erfahren hat.
Honigmann erzählt von Mischkas Verhaftung 1936 in Moskau – die gerade beim Zähneputzen war, als vier Männer sie abholten, und nur schnell Zahnbürste und ein paar Toilettenartikel zusammenpacken konnte. Mit der Körperreinigung wurde es in den nächsten Jahren sehr schwierig, denn im Gefängnis und im Straflager Sibirien war das nur mit Schnee zu bewerkstelligen; aber solche rudimentäre Körperwäsche war wichtig in dem unvorstellbaren Schmutz, der dort herrschte.
Wie Mischka diese Zeit, fast zwanzig Jahre, überstanden hat und wie ihr Leben dann weiterging, davon erzählt Honigmann knapp und spannend. Wofür andere sechshundert Seiten brauchen, das kriegt Honigmann packend auf 110 Seiten hin. Sie skizziert Mischkas Weg von Moskau über das Exil in Köln (in der Nähe von Heinrich Böll) bis zu ihrem Tod im Alter von hundert Jahren. Honigmanns Buch ist ein Leseabenteuer, das man an einem Abend erlesen und erleben kann.
Barbara Honigmann, Mischka. Drei Porträts. Erschienen 2026 bei Hanser. Das Buch hat 110 Seiten und kostet 22 Euro.