„Sie arbeiten nicht, sie waschen sich nicht, sie tun überhaupt nichts“: Vor gut sechzig Jahren entstand eine besondere Art des Protests gegen die bürgerliche Grundordnung. Die „Gammler“ prägten sogar Wahlkämpfe.
Von Heribert Prant
Dies ist die Trauerrede auf eine Jugendbewegung, die heute keiner mehr kennt, die aber vor gut sechzig Jahren die bundesdeutsche Gesellschaft erregte und empörte wie sonst nichts. Ihre Anhänger und Mitglieder hießen „Gammler“; das waren junge Männer mit langen Haaren und abgerissener Kleidung, die in den Großstädten herumlungerten und mit ihrer ungepflegten Passivität und demonstrativen Arbeitsverweigerung auffielen.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb seinerzeit über sie: „Sie arbeiten nicht, sie waschen sich nicht, sie tun überhaupt nichts.“ Mit ihrem offen zur Schau gestellten Müßiggang waren sie die Ersten, die in der jungen Bundesrepublik das infrage stellten, was nicht infrage gestellt werden durfte: die geltende Moral, die in Fleiß und Arbeit bestand. In der Mitte der Sechzigerjahre prägten sie sogar Wahlkämpfe. Einen Nekrolog haben sich die Gammler schon deswegen verdient, weil die letzten von ihnen jetzt allmählich das Zeitliche segnen.
Ein unreinliches Weltwunder
Sie verkörperten damals, vor gut sechzig Jahren, die erste außerparlamentarische und konsumkritische Opposition gegen das politische und gesellschaftliche System. Die Gammlerei wurde dann von der Hippiekultur abgelöst und der 68er-Studentenbewegung aufgesogen. Die Akzeptanz von Staat und politischer Ordnung beruhte in der jungen Bundesrepublik in hohem Maße darauf, dass der neue westdeutsche Staat sichtbar für Wohlstand, Vollbeschäftigung und sozialen Aufstieg sorgte. Der Aufstieg eines jeden in Karriere und Status durch Arbeit und Leistung war das Nonplusultra, war sehr viel wichtiger als die Identifikation mit demokratischen Werten oder republikanischen Tugenden. Erwerbsarbeit galt als der zentrale Lebensinhalt. Und Wohlstand meinte in erster Linie materielle Ausstattung, nicht unbedingt körperliches und seelisches Wohlergehen.
Das alles stellte die Gammlerei infrage. Die Presse stürzte sich darauf wie auf ein unreinliches Weltwunder. Sie machte aus einem Randphänomen, das selbst in seinen stärksten Zeiten nur aus ein paar Tausend jungen Leuten bestand, eine Provokation. Nicht das Phänomen war bedeutend, sondern die Reaktion darauf. Die Gammler waren zwar zahlenmäßig unbedeutend, wirkten aber als Projektionsfläche – zumal sie gern an ikonischen Orten herumhingen: an der Gedächtniskirche in Westberlin zum Beispiel, an der Hauptwache in Frankfurt am Main und am Monopteros im Englischen Garten in München.
Feindbild der ordentlichen Nachkriegsgesellschaft
Die vielen Zeitungsberichte über die Gammler, die kommunalen Säuberungsaktionen und die polizeilichen Vertreibungen machten aus ihnen das Feindbild für die sich als ordentlich begreifende Nachkriegsgesellschaft. Bezeichnend war es, wie gekränkt und beleidigt sich damals der Bundeskanzler Ludwig Erhard äußerte: Erhard war von 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister der Regierung Adenauer gewesen, von 1963 bis 1966 war er Bundeskanzler. In einer Wahlkampfrede in Höxter in Nordrhein-Westfalen im Juni 1966 geißelte er die Gammlerei und kündigte an, ihr den Garaus zu machen: „Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören.“ Und er wetterte bei der Gelegenheit auch gleich gegen seinen Wahlkampfgegner Willy Brandt, damals SPD-Chef und Regierender Bürgermeister in Berlin: „Der Brandt soll einmal dafür sorgen, dass seine Gammler von der Straße verschwinden.“
Erhard war damals als „Vater des Wirtschaftswunders“ in den nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf gezogen, jedoch wegen der einsetzenden Bergbau- und Kohlekrise im Ruhrgebiet stark unter Druck geraten. Die CDU verlor bei der Landtagswahl im Juli 1966 ihre bisherige Stellung als stärkste Kraft an die SPD. Das schlechte Abschneiden der Union leitete das Ende von Ludwig Erhards Kanzlerschaft ein. Im Herbst 1966 trat er nach dem Zerfall seiner Koalition mit der FDP zurück. Willy Brandt wurde zum Jahresende Außenminister und Vizekanzler in der ersten Großen Koalition zwischen Union und SPD unter Kurt Georg Kiesinger.
Kanzler Erhard hatte in der Gammlerei einen Angriff auf seine Wirtschaftspolitik und die bürgerliche Grundordnung gesehen. Wer sich dem so plakativ entzog wie der Gammler, war für ihn ein gefährlich apolitischer und damit auch wieder politischer Landstreicher. In Politik und Medien wurden gelegentlich gar drakonische Maßnahmen (Arbeitslager, Umerziehung) gefordert; nichts dergleichen wurde realisiert, aber mit der Diskussion über solche Ideen verhandelte die Gesellschaft ihr Verhältnis zu Arbeit und Leistung und die Verbindlichkeit ihrer Normen.
Indes: Die langen Haare wurden junge Mode, der Parka ein allgemein übliches Kleidungsstück, die Gammlerei zu einer Art siffiger Folklore; das bloße Erscheinungsbild erregte daher immer weniger Aufmerksamkeit. Es fehlte den Gammlern die Galle – die politische Galle. Sie sorgten aber dafür, dass die Gesellschaft der späten Sechzigerjahre schon für Proteste vorgewärmt war. Das Verb „gammeln“ jedenfalls überlebte die Gammler im allgemeinen Sprachgebrauch um Jahrzehnte.
