Er siecht dahin in einer Zeit, die ihn gut brauchen könnte. Die Zeitenwende war für ihn ein Zeitenende.
Der Pazifismus hat in der Bundesrepublik eine große und erfahrungsgesättigte Vergangenheit. Er hat aber keine Gegenwart, obwohl oder gerade weil wie entfesselt aufgerüstet wird und die Gefahr eines Atomkriegs so groß ist wie kaum je seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Philosoph Jürgen Habermas beklagte 2023, drei Jahre vor seinem Tod, den „bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung“. An diesem Tenor hat sich wenig geändert. Das Wort „Frieden“ gehört kaum noch zum bürgerlichen Wortschatz. Wer pazifistisch redet, wird verspottet – es sei denn, er ist Papst; dann wird er nicht verspottet, sondern nur als Träumer belächelt. Ob der Pazifismus Zukunft hat – wenigstens als Korrektiv gegen die ausufernde Aufrüstung –, das steht in den Sternen.
Die große Vergangenheit des Pazifismus ist in den bundesdeutschen Anfangsjahren zu Hause. Damals war er Ausdruck des Zeitgeistes. In ihm lebte das Lebensgefühl derer, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Und es war so stark, dass selbst Franz Josef Strauß, der spätere Verteidigungs- und Atomminister der Regierung Adenauer, sich dazu bekannte. Das war 1949, Strauß war damals 34 Jahre alt und der erste Generalsekretär der CSU. „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt“, so beschwor er, „dem soll die Hand abfallen.“ Es war dies eine Aussage, die er später, als er einer der wichtigsten Architekten der westdeutschen Wiederbewaffnung geworden war, von sich abschütteln wollte. Vor dem Landgericht Nürnberg versuchte er 1961 vergeblich, das Zitieren der Äußerung unterbinden zu lassen. Der Wind der Weltpolitik hatte sich gedreht, der Kalte Krieg war heraufgezogen und die Bundeswehr gegründet worden, abgelehnt von weiten Teilen der Gesellschaft, aber forciert von den West-Alliierten. Er habe in seiner Wahlkampfrede von 1949, so erklärte Strauß in einem berühmten Fernsehinterview, das Günter Gaus 1964 mit ihm führte, einer damaligen Grundstimmung pointierten Ausdruck gegeben und über das Bibelwort „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen“ geredet. Auch der Satz gehört freilich zu den Kernsätzen des Pazifismus.
Die Zeiten ändern sich – und wir ändern uns in ihnen?
Einen anderen Satz, ein lateinisches Sprichwort, hat Strauß als studierter Altphilologe viel lieber zitiert: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.“ Also: Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. So ähnlich argumentieren heute Kanzler und Vizekanzler, wenn sie Aufrüstung „Whatever it takes“ (Friedrich Merz) und „No limits“ (Lars Klingbeil) propagieren, um auf die Bedrohung durch Putin zu reagieren. Sie haben sich verpflichtet, fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes für militärische Zwecke auszugeben; das wären in Deutschland rund 215 Milliarden Euro.
Anders als die Aufrüster von heute hat sich der Bellizist Strauß damals, im genannten Interview, als „Verantwortungspazifist“ bezeichnet. Dies zeigt das Renommee, welches das Wort „Pazifismus“ damals noch hatte. Das ist vorbei. Daran hat die Friedensbewegung, die in den frühen Achtzigerjahren eine Massenbewegung war, nichts dauerhaft ändern können. Es war dies damals die Zeit der Menschenketten und der Großkundgebungen im Bonner Hofgarten als Teil der internationalen Proteste gegen die atomare Nachrüstung. Diese Nachrüstung kam zwar, leitete aber glücklicherweise eine gute, wenn auch kurze Phase der Abrüstung ein, die dann allerdings von neuerlicher Aufrüstung abgelöst wurde; die hält bis heute an. Zwischen Russland und den USA gibt es keinen Rüstungskontrollvertrag mehr. Und der US-Präsident hat angekündigt, neue Atomtests durchzuführen.
Aus dem Grundgesetz hätte eine pazifistische Verfassung werden können
Der Pazifismus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird in Deutschland, so er überhaupt thematisiert wird, fast herablassend zu einer verständlichen, aber wenig hilfreichen Nachkriegsemotionalität erklärt. Ja, die Schrecken des Hitler-Krieges waren damals allgegenwärtig und die Stimmen derer stark, die für eine Politik der Delegitimierung von Militär und Gewalt eintraten; das fand Ausdruck in Parolen wie „Nie wieder Militär“. Bei den Verfassungsberatungen auf Herrenchiemsee hatte die einprägsame Formel einigen Zuspruch, die lautete „Der Krieg ist verboten“. Mit diesem und in diesem Geist begannen die Arbeiten am Grundgesetz. Carlo Schmid (SPD), der Vorsitzende des Hauptausschusses bei den Grundgesetzberatungen, wollte Deutschland eine friedensstiftende Vorreiterrolle einnehmen lassen: „Krieg ist kein Mittel der Politik“, war seine plakative Formulierung, die er gern im Grundgesetz gesehen hätte. Man solle doch im Zeitalter des „Atombombenkrieges“, so sein Plädoyer, mit einem Verzicht Deutschlands auf eine Politik der militärischen Stärke ein „neues gesundes Vorbild“ auch für andere Staaten sein.
Aus dem Grundgesetz hätte also eine pazifistische Verfassung werden können. Das ist sie nicht geworden; der Kalte Krieg zog herauf, gut zwei Monate vor den Grundgesetzberatungen in Bonn hatte die Berlin-Blockade durch die Sowjetunion begonnen: Sie begleitete und verängstigte die Arbeit am Grundgesetz. Eine sehr friedliebende Verfassung ist das Grundgesetz trotzdem geworden – ein Manifest für den Frieden.
Die Politik hat das Friedensgebot wenig gepflegt
Das Friedensgebot ist der Ober- und Hauptsatz des Grundgesetzes. Es sollte nach dem Willen seiner Schöpfer das Prinzip sein, an dem sich alle anderen Normen der Verfassung messen lassen müssen. Das ist aber nicht oder nicht mehr so. Die Zeiten ändern sich – hat sich das Grundgesetz in ihnen geändert? Hat es einen Bedeutungswandel erfahren schon mit dem Einbau der Wehrverfassung in der Mitte der Fünfzigerjahre, weil es seitdem Rüstungspolitik und militärische Sicherheitspolitik ausdrücklich zulässt? Das ist so, aber die Schranken dabei setzt das Friedensgebot. Es will Frieden und Sicherheit vorrangig auf der Basis internationaler Kooperation und auf der Basis des Gedankens, dass die eigene Sicherheit auch auf der des potenziellen Gegners beruht. Die Politik hat dieses Friedensgebot wenig gepflegt, das Bundesverfassungsgericht hat es nicht entfaltet. So ist der Begriff und Inhalt des Wortes Frieden zu einem Leerraum geworden, den die AfD rhetorisch besetzen konnte. Das ist bitter und traurig zugleich.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 15.07.2026 in der Süddeutschen Zeitung.