Die Philosophin Eva von Redecker hat ihre ersten Lebensansichten auf dem elterlichen Biobauernhof bei Eckernförde gesammelt. Vielleicht kommt es daher, dass sie ihre Faschismusanalyse „Dieser Drang nach Härte“ nicht mit hochtrabenden Thesen beginnt, sondern mit einem Bummel über den Havelberger Pferdemarkt in Sachsen-Anhalt. Neben Pferden wird da allerlei Trödel, gern auch Wehrmachtsgedöns gehandelt. Gegen einen Sägebock gelehnt, entdeckt Redecker das alte Blechschild: „Wer plündert, wird erschossen.“ Die mit allen Wassern der Kapitalismuskritik Horkheimers und Adornos und der Totalitarismusanalyse Hannah Arendts gewaschene Redecker hört in diesem alten Blechschild den neuen Faschismus scheppern.

Faschisten erkennt sie als Leute, die sich in der Pose der Besitzverteidigung gegen angebliche Plünderer gefallen. Jedoch geht es ihnen gar nicht um realen Besitz und die mit ihm verbundenen Verteilungsfragen. Verteidigt wird illusorischer Besitz. Redecker erfindet dafür das Wort „Phantombesitz“: Mein Land, meine Nation, meine Sprache, unsere Frauen, unsere Wahl – sie werden zum Quasi-Eigentum. Typisch ist deshalb Trumps Rede von „stolen elections“. Phantombesitz ist wichtiger geworden als das materielle Auskommen und die Liquidierung der vermeintlichen Diebe und Räuber hat Vorrang vor allem anderen.

Eva von Redecker ist eine scharfe Beobachterin, eine originelle, mit den Instrumenten der Frankfurter Schule bestens ausgerüstete Analytikerin und eine Philosophin, die sich, geschult an Hannah Arendt, traut ohne Geländer zu denken. Sie wandert vom staubigen Havelberger Pferdemarkt weiter in die glänzende Welt der Tech-Milliardäre und ihrer KI-Visionen und wagt auch einen Rückblick auf die Pandemie, die sie als den entscheidenden Katalysator des Rechtsrucks identifiziert. Ihr Buch ist keine leichte Mal-so-nebenbei-Lektüre. Sie traut sich was und traut dem Leser was zu. Es ist fesselnd und befreiend zugleich, ihren Gedanken zu folgen.

Eva von Redecker, Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. Das Buch ist kürzlich im S.Fischer-Verlag erschienen. Das Werk hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.