Leo XIV. streitet gegen die Vergöttlichung der KI und die Verklärung des Silicon Valley zum Paradies. Der Vatikan wird zur Zentrale der Aufklärung in Big-Data-Zeiten.

Diese Enzyklika ist mehr als eine Enzyklika, mehr als ein katholisches Lehrschreiben. Sie ist ein Manifest für die Menschheit, ein Manifest gegen die digitale Supermacht und gegen die unheilvolle Allianz dieser Supermacht mit Politik und quasireligiösem Wahn. Diese Enzyklika ist ein profunder Protest gegen die Delegation von Entscheidungsprozessen an die KI in allen Lebensbereichen. Sie ist nicht einfach nur ein Einspruch gegen blinde Technikverehrung, sie eine fundamentale Gegenrede gegen Heilsversprechen, die sich auf Bits und Bytes stützen. Die Enzyklika ist eine Denkschrift gegen die Verabsolutierung von technischer Intelligenz, gegen digitale Staatsstreicherei, gegen die Digitalokratie. Aus dem Vatikan, der in seiner Geschichte so lange Bollwerk gegen die Aufklärung war, kommt eine Grundsatzerklärung zur Aufklärung in Big-Data-Zeiten.

Namen nennt die Enzyklika nicht – aber wer sie liest, der denkt an die Tech-Milliardäre, die ihre Vermögen mit Plattformen verdienen, die an den Schaltstellen der globalen Information und Kommunikation sitzen, die Zeitungen aufkaufen wie Äpfel – und die bei Trumps Inauguration beflissen Beifall gespendet haben. Man denkt an Elon Musk, der über einen Großteil der Satelliten herrscht und somit über den Zugang zur Kommunikation; mit dem Department of Government Efficiency hatte er Zugriff auf die sensibelsten Daten der USA erhalten und geholfen, die Administration zu zerschlagen. Man denkt an Jeff Bezos, den Amazon-Gründer, der in kürzester Zeit eines der wichtigsten Medien, die Washington Post ruiniert; er kontrolliert dort, was und wie kommentiert wird. Man denkt an Mark Zuckerberg, den Chef von Meta und damit Facebook; er nimmt die Standards zurück, die vor Gewalt, Hass und Fakes schützen. Man denkt an Sam Altman, Chef von Open AI, dem Unternehmen, das hinter Chat-GPT steckt. Er hat vor der Inauguration eine Million US‑Dollar an Trumps Antrittsfonds gespendet und dies als „vergleichsweise kleine Sache“ beschrieben, verbunden mit der Erwartung, dass Trump die USA in das „Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ führt.

Der ideologische Strippenzieher hinter der digital-politischen Revolution ist der Multimilliardär Peter Thiel; Thiel ist unter anderem Gründer der Firma Palantir Technologies, die digitale Daten etwa von Satellitenbildern und aus sozialen Medien abgreift, sie zu Profilen einzelner Personen bündelt. Palantir liefert die Software „Gotham“ für die US-Einwanderungsbehörde ICE; es werden damit in Echtzeit gigantische Datenmengen aus Quellen wie Führerscheinen, sozialen Netzwerken und Meldeämtern verknüpft. Die Peter-Thiel-Firma ermöglicht es den Trump-Behörden, im Bruchteil von Sekunden Aufenthaltsorte von Migranten zu ermitteln, Gesichtserkennungen durchzuführen und gezielte Abschiebungen zu koordinieren und zu exekutieren.

Innenminister Dobrindt treibt den Einsatz von Palantir voran

In Deutschland nutzen die Bundesländer Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen Palantir bereits zur Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung. CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt treibt den Einsatz von Palantir auch für Bundesbehörden voran. Die AfD ist mit Palantir auf Du und Du; im niedersächsischen Landtag hat sie bei einer Expertenanhörung zu Palantir ausgerechnet Palantir eingeladen. Bemerkenswert ist die ideologische Nähe von AfD und Peter Thiel, ihre Feindschaft zu Menschenrechten, die allen Menschen zustehen.

Thiel ist ein Chefideologe des Transhumanismus, in dessen Zentrum das Versprechen steht, die Begrenztheit der menschlichen Existenz aufzuheben. Der Mensch soll zu einem Wesen werden, das sich durch Technik unglaublich optimieren lässt – und das in einem Effizienzzwangssystem lebt, welches Defekte vermeidet und die angeblich Defekten aussortiert. Thiel stellt die Menschenrechte infrage; so wie die AfD zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen unterscheidet, unterscheidet er zwischen optimierbaren, optimierten und nicht optimierbaren Menschen. Er strebt eine Technik an, mit der man länger lebt, mit der man klüger wird und mit der man, zumindest technologisch, Unsterblichkeit erreicht. Thiel beruft sich für all das auf Bibelstellen. Die menschlichen Entscheidungen bis hin zu denen über Krieg und Frieden, über den Einsatz von Waffen, über Leben und Tod, sollen auf datenbasierte Systeme und auf Roboter übertragen werden.

Thiel ersetzt die Allmacht Gottes im Christentum durch die Allmacht angeblich höchstentwickelter Menschen im Transhumanismus. Er will durch unbeschränkte technologische Innovationen, die keine Regel kennen und keine wollen, die Menschheit dem Paradies oder der Vollkommenheit nahebringen. Dabei wollen er und seinesgleichen sich zu einem gottähnlichen Supermenschen erheben. Dagegen tritt der Papst an; er nennt Thiel nicht namentlich; er setzt sich aber mit dessen Ideologie profund, unaufgeregt und souverän auseinander; er lehrt, dass das Unperfekte zum Menschsein gehört. Er beklagt, wie destruktiv unregulierte datenbasierte Systeme sind, und proklamiert eine humanistisch durchdrungene KI.

Jahrhundertelang stand für die christliche Auseinandersetzung mit Feinden und mit sonstigen destruktiven Kräften der Erzengel Michael; sein Name bedeutet, wörtlich übersetzt „Wer ist wie Gott?“: Er war also eine Kampfansage gegen die, die sich gegen Gott erheben. Ikonographisch wurde er als Ritter mit Flammenschwert dargestellt, der den Drachen, also die destruktive Kraft, besiegt; so ist es tausendfach abgebildet. In alten Zeiten hätte die Kirche einen wie Thiel als Drachen einsortiert. Aber der Papst ist klug. Er will nicht nur, wie er es formuliert, die KI „entwaffnen“; er entmilitarisiert und pazifiziert auch diese uralte Auseinandersetzung und hebt sie auf die politisch-moralisch-spirituelle Ebene.

Leo XIV. stellt Wegweiser auf in eine gute digitale Zukunft. Wenn man es in der Sprache des deutschen Grundgesetzes formuliert, steht darauf: „KI verpflichtet. Ihr Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 04.06.2026 in der Süddeutschen Zeitung.