Terror, Krieg, Klimawandel: Es gibt genug Dinge auf der Welt, vor denen man sich fürchten kann. Und die Versuchung ist groß, damit Politik, Auflage, Einschaltquoten und Klickzahlen zu machen. Doch das ist gefährlich.
Es ist viel Angst in der Welt. Die Angst vor Corona und neuen Pandemien, die Angst vor islamistischem Terror, die Angst vor dem Krieg in der Ukraine und in Iran; die Angst vor Krieg demnächst hier im Land und vor einer neuen Weltunordnung. Es gibt die Angst vor einem Alter ohne soziale Sicherheit, die Angst vor einer persönlich und gesellschaftlich fried- und rechtlosen Zukunft.
Angst ruft danach, dass etwas getan wird; nein, nicht nur etwas, sondern alles – Repression, Prävention, alles miteinander, alles durcheinander und so viel wie möglich. Angst kann süchtig machen; süchtig nach den Mitteln und Methoden, die möglichst umfassende Abhilfe versprechen. Die Angst ruft dann nach denen, die all diese Mittel und Methoden einsetzen wollen, nach Dealern mit der Angst. Es gibt da einen politisch-publizistischen Verstärker-Kreislauf, wie man ihn in Corona-Zeiten beobachten konnte, wie man ihn aber auch derzeit, wenn es um Abschreckung und Aufrüstung geht, beobachten kann.
Gefährlich sind die aggressiven Methoden der Angstabwehr
Es existieren gefährliche und ungefährliche Methoden, Ängste zu bändigen. Die ungefährlichen richten sich nach innen: Zu ihnen gehören vertraute Riten und Rituale, auch tröstende Gebete. Gefährlich sind die aggressiven Methoden der Angstabwehr, diejenigen also, die sich nach außen richten: dazu gehört die Suche nach Sündenböcken. Auf die lädt man, was man selbst verbockt hat, projiziert auf sie das eigene Versagen und schickt sie in die Wüste, um die Strafe von sich selbst abzuwenden. Dies war und ist noch immer und immer wieder todgefährlich.
Ein anderes Beispiel ist die Hexenjagd. Jahrhundertelang genügte das bloße Gerücht, eine – es waren vor allem Frauen – sei mit dem Teufel im Bunde, um sie gefangen zu setzen, zu Geständnissen zu zwingen und dann zu verbrennen. Die Sündenböcke, die Hexen, heißen heute anders; auch die Sanktionen haben sich geändert. Aber eines ist geblieben: Immer dann, wenn die Menschen stigmatisiert werden (als Mutter aller Probleme, als Stadtbildstörer, als Religionsfeinde, als Erbfeinde, als Rassenfeinde, als Feinde des Volksempfindens), immer dann wird es extrem gefährlich. Wenn so die Menschenwürde relativiert wird, war und ist das der Beginn des Terrors der Macht. Wer in rechtsextremen Wahlprogrammen liest, wie dort Menschen als wertvoll und als wertlos klassifiziert werden, der weiß, wie dieser Beginn beginnt.
Es gibt daher eine Grund- und Urangst jüdischer Menschen, als angeblich bedrohliche Minderheit eliminiert zu werden; sie ist erfahrungsgesättigt durch Jahrhunderte der Verfolgung und Pogrome. Diese Urangst hat neue Nahrung bekommen durch den Massenmord der Hamas am 7. Oktober 2023. Sie hat eine Kehrseite, die heißt: Nie wieder Opfer werden! Sie äußert sich als aggressive Sicherheitspolitik und in der enthemmten Kriegsführung eines Benjamin Netanjahu. Angst vor Gefahr ist also nicht ungefährlich. Sie äußert sich aber auch in einer großartigen Fähigkeit zu Humanität, Hellsicht und Versöhnung eines Martin Buber oder heutzutage eines Meron Mendel.
Es geht darum, fruchtbar, nicht furchtbar mit der Angst umzugehen
Es ist nicht so eine allumfassende Lebensgrundangst, die westliche Gesellschaften in toto quält. Es sind wechselnde Ängste, die in den Alltag einziehen, die dort schon ein- und ausgezogen sind: Sie handeln vom Zersplittern bisheriger Sicherheiten. Und über all dem schwelt die Klimakatastrophe.
Angst überwindet man nicht, indem man entscheidet, keine Angst zu haben. Auch sind nicht die mutig, die angstfrei sind, sondern die, die trotz ihrer Angst Haltung zeigen. Angst muss auch gar nicht ganz verschwinden, das tut sie in der Regel nicht. Angst soll nicht die Oberhand und die Übermacht behalten. Die Angst gehört zum Leben, genauso wie der Durst. Es gibt die Angst, die anderen zu verlieren, es gibt die Angst, sich selbst zu verlieren, es gibt die Angst, die Kontrolle zu verlieren, es gibt die Angst, die Hoffnung zu verlieren. Es gibt kein angstfreies Leben und keine angstfreien gesellschaftlichen Räume. Völlige Abwesenheit von Angst ist ein Symptom von Dummheit und nicht von Tapferkeit. Angst kann lebenswichtig sein. Angst schützt. Und Angst kann Quelle sein von Kreativität und Befreiung; der Angst wohnt inne, dass man sie überwinden will. Angst weckt auf.
Es geht darum, fruchtbar, nicht furchtbar mit der Angst umzugehen, es geht darum, die Angst nicht zum Ungeist der Angst wachsen zu lassen; sie darf nicht neurotisch werden; wenn das passiert, wird sie populistisch ausbeutbar. Der Ungeist der Angst ist ein gefährlicher Geist. Er kann aggressiv machen. Er kann anfällig dafür machen, sich manipulieren zu lassen. Wer vom Ungeist der Angst ergriffen ist, glaubt gerne alles: dem Guru, der die Erlösungsformel parat hat; dem Quacksalber, der das Wundermedikament anbietet; dem Politiker, der die einfache Lösung anpreist. Daher ist die Versuchung so groß, mit dem Ungeist der Angst Politik, Auflage, Einschaltquoten und Klickzahlen zu machen.
Extremisten verwandeln die Angst in Hass
Auch in demokratischen Parteien ist viel Angst, die Angst vor ihren extremistischen Konkurrenten. Die Angst vor der verlorenen Wahl macht sie anfällig, selbst das Angstspiel mitzuspielen. So wird sie systematisch gezüchtet – die Angst vor den Flüchtlingen, vor dem Islam, vor dem Terror. Der Mechanismus der Angst funktioniert wie eine riesige Orgel: Vor ihr sitzen viele Spieler; nicht nur Autokraten und Diktatoren, auch demokratische Politiker, Kommentatoren und Blogger. Diese Orgel verfügt über eine Klaviatur mit vielen Registern, über ein Windwerk und eine Windlade, welche die verdichtete Luft den Pfeifen zuleitet. Und wenn dann von so vielen kräftig georgelt wird und alle Register gezogen werden, dann erbebt und erschauert alles.
An der Orgel sitzen besonders gern und rund um die Uhr die Extremisten. Sie verwandeln die Angst in Hass. Das ist das besonders Gefährliche, weil Hass ansteckend ist. Seriöse Medien und eine friedenstüchtige Politik dürfen dabei nicht mitmachen. Was sollen sie machen? Sie sollen die Bürgerinnen und Bürgern mit feineren Tönen die Grundrechte lehren und sie entfalten, beharrlich und unbeirrt, immer und immer wieder; sie sollen sich auch selbst daran festhalten und ihrer Kraft etwas zutrauen. Das ist ein menschenrechtsgeleitetes Selbstbewusstsein; das ist Politik gegen die Angst.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 28.05.2026 in der Süddeutschen Zeitung.