Es gibt politische Bücher, die man mit Gewinn lesen kann, auch wenn man selbst ganz anderer Meinung ist. Jörg Baberowskis Buch über die Demokratie ist so ein Buch. Barberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Uni zu Berlin, nennt es „Am Volk vorbei“ – und er beklagt darin, wie die repräsentative Demokratie sich vor den Leidenschaften des Volkes fürchte und „den Raum des Politischen verengt“. Er konstatiert, wie Störer von der repräsentativen Demokratie „bei Bedarf“ zu Feinden der Demokratie und Widersacher „zu Repräsentanten des Bösen erklärt“ werden, mit denen man gar nicht streiten könne. Er nennt da die Impfgegner, die sich während der Corona-Pandemie ungefragt zu Wort meldeten, und er nennt die „Pazifisten, die in der gegenwärtigen Diskussion über den Krieg in der Ukraine von ihren Überzeugungen nicht lassen wollen“.

Baberowski kommt zum Ergebnis, dass die Populisten (wenn denn die von ihm Genannten solche sind) in ihrer Unduldsamkeit nur das imitieren würden, „was ihnen die liberalen Eliten vormachen“. Aber in seiner berechtigten Kritik schüttet Baberowski das Kind mit dem Bade aus. Er preist den Populismus als Lebenselixier der Demokratie und hat dabei wenig Gespür dafür, wo Populismus in Extremismus übergeht, wo dieser also die Grundrechte als Grundlage des Zusammenlebens infrage stellt und abräumt. Was Baberowski als „liberale Demokratie“ beargwöhnt, ist in Wahrheit die konstitutionelle Demokratie. Konstitutionelle Demokratie meint: Herrschaft des Volkes – aber nur in den Grenzen der Verfassung. Baberowski scheint das zu bezweifeln; er scheint auch das Unabänderliche zur Disposition des Volkes stellen zu wollen. Ihm fehlt der Sensus für den Rang und für die Unantastbarkeit des grundrechtlichen Kerns der Verfassung. Das ist schade und gefährlich; nach den Erfahrungen mit Unrecht in Gesetzesform in unserer Vergangenheit und überall auf der Welt gibt es dazu keine Alternative.

Jörg Baberowski – Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie. Das Buch ist in der zweiten Auflage 2026 bei C.H. Beck erschienen. Es hat 208 Seiten und kostet als Hardcover 25 Euro.