Der Kirche fehlt Kraft. Die könnte sie finden, indem sie nicht nur Defizite aufarbeitet, sondern Visionen zeigt. So will es auch Papst Leo.
Kurz vor Pfingsten wartet die katholische Kirche auf ein Pfingstwunder; der Ort dieses Wartens ist der Katholikentag in Würzburg. Er beginnt am kommenden Mittwoch, am 13. Mai; und er endet vier Tage später, eine Woche vor dem Pfingstsonntag. An diesen fünf Tagen und mit 900 Veranstaltungen soll dort in Würzburg das Wunder passieren, das dem Evangelium zufolge vor zweitausend Jahren in Jerusalem passiert ist: Die Apostel, also die Anhänger des hingerichteten Revolutionärs Jesus Christus, wurden von einer kreativen Kraft und einem unbändigen Glauben gepackt. Sie hatten sich, verfolgt von der römischen Besatzungsmacht, verkrochen, als auf einmal überirdische Power über sie kam. Sie trauten sich wieder unter die Leute, sie suchten die Öffentlichkeit, sie fanden dort die richtigen, die überzeugenden Worte; jeder verstand sie, sie predigten wie entfesselt. Sie spürten eine himmlische Kraft. Sie wird der „Heilige Geist“ genannt. Er wird an Pfingsten gefeiert.
Die katholische Kirche weiß, dass sie diesen Geist so dringend braucht. Die evangelische Kirche weiß es auch. Die christlichen Kirchen in Deutschland sind in der Krise; ihnen laufen die Mitglieder weg. Deshalb hat sich der Katholikentag das Motto gegeben: „Hab Mut. Steh auf!“ Aber das Aufstehen allein hilft noch nicht so viel. Man muss wissen, wohin man dann gehen will. Das Abarbeiten und das Aufarbeiten von innerkirchlichen Irrungen, Irrtümern und Kardinalfehlern (der Katholikentag hat sich das zum x-ten Mal vorgenommen) ist bitter notwendig. Aber neue Leuchtkraft entsteht dadurch nicht. Sie entsteht dann, wenn aus dem religiösen Segenswunsch „Pax vobiscum/Der Friede sei mit euch“ ein Arbeitsauftrag an die eigene Adresse wird; wenn die Kirche also mit leidenschaftlicher Weisheit versucht, die Welt für einen „unbewaffneten und entwaffnenden“ Frieden zu öffnen, wie das Papst Leo propagiert.
Der Papst beklagt mit großer Schärfe eine exzessive Aufrüstung auch „in den Köpfen und in der politischen Rhetorik“, er kritisiert den „Eifer für den Krieg“ und die „weltweite Tendenz zur militärischen Eskalation“. Leo wirbt für geduldigen Aufbau von Dialog und Zusammenleben, für Gewaltfreiheit als effizientestes Mittel zur Konfliktlösung. Die von ihm geforderte Friedfertigkeit sollte mehr sein als das friedfertige Gerede eines Pontifex paximus. Die Friedfertigkeit müsste zur frohen Botschaft werden und die „zunehmende Militarisierung des Denkens“ infiltrieren, die der Papst zum Weltfriedenstag beklagt hat. Im Programm des Katholikentags findet sich das zu wenig wieder. Wenn Säkularisierung heute Militarisierung bedeutet, dann muss Kirche dagegen halten – aus geläuterter eigener perverser Erfahrung. Vielleicht wird dann aus der Glaubensscham, die viele Christinnen und Christen erfasst hat, wieder ein Glaubensstolz.
Noch sind die Kirchenaustrittszahlen erschreckend hoch, auch wenn sie angeblich neuerdings leicht zurückgehen. Das liegt vielleicht auch daran, dass es, zumal bei den Jungen, wieder eine Freude gibt an alten Ritualen und Traditionen, dass es wieder ein Bewusstsein gibt für das das Verbindende, Heimatliche und Tröstliche, das sie in sich bergen. Gleichwohl: Die Volkskirche ist nicht mehr die Volkskirche, die sie einmal war; und sie wird es nicht mehr werden. Seit 2024 ist erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Deutschland zählt derzeit noch mehr als 40 000 Kirchen und Kapellen; über kurz oder lang wird es nur noch die Hälfte geben; immer mehr Kirchenräume und Kirchenbauten werden als religiöse Versammlungsräume nicht mehr benötigt. Es geht um das Zentrum von Städten und Stadtvierteln, um den Mittelpunkt von Dörfern, um Orte von Geschichte und Identität.
Das Leben ist aus der Kirche natürlich nicht verschwunden, es ist aber geschrumpft. Und selbst im geschrumpften Zustand ist dieses Leben noch größer, vielfältiger und umfassender als in jedem anderen Verband. Gleichwohl, es gab schon viel größere Katholikentage als den bevorstehenden in Würzburg: 30 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden erwartet. Frühere Katholikentage hatten schon hunderttausend und mehr. Aber die Lust darauf, dort die immer gleichen Diskussionen zu führen, ist nicht mehr überbordend. Diese immer gleichen, aber weitgehend folgenlosen Diskussionen betreffen Defizite: die defizitäre Mitbestimmung der Laien in der Kirche. Die defizitäre Aufarbeitung der Missbrauchsskandale. Die defizitäre Emanzipation der Frauen in der Kirche. Die defizitär lieblose Sexualmoral. Die defizitäre Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Die defizitäre Diskussion über das Zölibat. Aber selbst die ernsthafte Arbeit an solchen Defiziten führt nicht zu einem kirchlichen Suffizit. Suffizit ist der fachsprachliche Gegenbegriff zum Defizit.
Wo sind die Visionen?
Das bloße Beseitigen ihrer Defizite macht aus einer visionslosen Kirche noch keine visionäre. Wo sind also die Visionen? Der Traum von einer ultimativen Zeitenwende, die die Zeiten der Gewalt beendet, wie ihn Papst Leo träumt, hat schon ein biblisches Alter. Dieser Schwerter-zu-Pflugscharen-Traum besagt: Die internationalen Konflikte werden nicht auf dem Schlachtfeld gelöst. Er ist nicht in einem wohligen Wolkenkuckucksheim erstmals geträumt worden, sondern inmitten von dreckigen Kriegserfahrungen in einer Welt rivalisierender und sich bekriegender Großmächte, die damals nicht Russland, China und USA hießen, sondern Assyrien, Babylonien, Persien. Solche Träume sind aber nicht veraltet, sondern zukunftsweisend. Sie weisen auch die Zukunft für eine Kirche, die in ihrer Geschichte so viel Gewalt gesehen, praktiziert und gesegnet hat. Wenn es, national und international, immer mehr Kriegskraft gibt, wird die kirchliche, auch ökumenische Friedenskraft als Gegenkraft umso wichtiger. Eine der vielen Veranstaltungen des Katholikentags nennt das „aktive Gewaltfreiheit“. Solche Aktivitäten in Zeiten von Krieg und Aufrüstung haben pfingstliche Substanz.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 07.05.2026 in der Süddeutschen Zeitung.