Vor vierzig Jahren wurde aus den Protesten gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage die Pfingstschlacht von Wackersdorf.
Von Heribert Prant
Es war ein Pfingsten ohne Pfingstrosen. Es war ein Pfingsten, bei dem die politische Pfingstpredigt der damalige bayerische Innenminister Karl Hillermeier hielt. Sie lief auf die Botschaft hinaus, dass der, der sich in Gefahr begibt, darin umkommt – er meinte die Demonstrantinnen und Demonstranten gegen den Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in der Oberpfalz. Das ist jetzt genau vierzig Jahre her. Die drei Tage an Pfingsten des Jahres 1986 sind als „Pfingstschlacht“ in die Zeitgeschichte eingegangen; sie gehören zu den dunklen Tagen für die Zivilcourage. Es waren Tage wie im Bürgerkrieg: Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte wurde CS-Reizgas gegen Demonstrantinnen und Demonstranten, es waren Zehntausende, eingesetzt. Das Gas wurde versprüht von den Wasserwerfern, es wurde in Kartuschen abgeworfen aus den tieffliegenden Hubschraubern des Bundesgrenzschutzes.
Polizisten quittierten ihren Dienst – aus Protest
Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um? Umgekommen ist an diesen drei Pfingsttagen glücklicherweise niemand. Aber es gab mehrere Hundert Verletzte, unter ihnen Kinder und viele alte Menschen. Es gab Dutzende Polizeibeamten (damalige Zeitungsberichte sprechen von mehr als hundert), die nach der Pfingstschlacht ihren Dienst quittierten, weil sie solche Schlachten nicht mehr schlagen wollten und weil sie sich von der Politik verheizt fühlten. Und: Von der Pfingstschlacht an solidarisierten sich auch friedliche Demonstranten und die örtliche Bevölkerung mit den Krawallos, die zum Wackersdorfer Pfingstcamp aus der ganzen Republik angereist waren und durch ihre Gewalttätigkeiten die exzessive Gegengewalt der politisch unter Druck stehenden polizeilichen Einsatzleitung mit ausgelöst hatten. Die WAA Wackersdorf war das gigantische atomare Vorzeigeprojekt der CSU, das Symbol für die Atompolitik der Staatsregierung unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß.
Die Pfingstschlacht von Wackersdorf ist und bleibt ein Lehrstück für ein sicherheitspolitisches und politisches Versagen, ein Exempel dafür, wie eine Gewaltspirale funktioniert. „Eskalation“ nennt man das dann im einschlägigen Vokabular. Die Eskalationsdynamik war in diesem Fall wechselseitig und asymmetrisch; asymmetrisch deswegen, weil die Polizeigewalt nicht nur gegen die Chaoten scharf, sondern auch gegen die Gesamtdemonstration maßlos war.
Ein Baugelände, 170 Fußballfelder groß
Die Oberpfalz galt lange Zeit als ein zutiefst konservativer Landstrich, sie wurde, der kargen und steinigen Böden wegen, „Steinpfalz“ genannt. Die Bayerische Staatsregierung, der Ministerpräsident Franz Josef Strauß und die CSU hatten wohl auch mit dieser Konservativität, mit der hohen Arbeitslosigkeit und der Sehnsucht der Menschen in dieser Region nach Arbeitsplätzen kalkuliert, als sie das atomare Großprojekt dort ansiedelten. Die Region hatte damals die höchste Arbeitslosigkeit in Deutschland, die Regierung versprach 3600 Arbeitsplätze, die mit der WAA geschaffen werden würden. Auf einer Fläche von 120 Hektar, so groß also wie 170 Fußballfelder, sollte die Wiederaufarbeitungsanlage gebaut werden, dazu die Lagerhallen für den gesamten deutschen Atommüll sowie eine atomare Brennelementefabrik. Als die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, kurz DWK, am 18. Februar 1982 bei der Regierung der Oberpfalz den Antrag für den Bau der WAA stellte, glaubte Ministerpräsident Strauß, eine „rasche und ungestörte Realisierung des Projekts“ garantieren zu können.
Aber es kam anders. Es passierten Dinge, mit denen die Regierenden nicht gerechnet hatten. Die Oberpfalz erwachte, sie protestierte, sie demonstrierte, sie leistete Widerstand. Und der SPD-Landrat Hans Schuierer war dessen politische Spitze. In der Oberpfalz spielte in den Achtzigerjahren ein Stück Zeitgeschichte, das Deutschland in Atem hielt. Was lässt sich daraus lernen? Hans Schuierer sagte es viel später so, als er als Zeitzeuge immer und immer wieder befragt wurde: Wackersdorf sei „ein Lehrbeispiel dafür, was in einem Rechtsstaat einfach nicht passieren darf“. Er meinte damit den Versuch, politische Pläne mit dem Schlagstock durchzusetzen.
Als der Widerstand kochte
Der Widerstand begann zu kochen mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Es war dies der schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Kernkraftwerks, setzte große Mengen von Radioaktivität frei und machte weite Gebiete auf Jahrzehnte hinaus unbewohnbar. In der Oberpfalz entwickelte sich daraufhin eine Allianz aus Bürgerinitiativen, Pfarrern, Naturschutzvereinen, von Feuerwehrleuten, Mitgliedern des katholischen Kolpingvereins, den Genossen der Jagdgenossenschaft. Die Anti-Atomkoalition von Wackersdorf war ein Protest der breiten gesellschaftlichen Mitte – die sich dann mit der Anti-Atomkraftbewegung aus der ganzen Republik verbündete. Es kam zusammen, was bisher kaum zusammengekommen war. Nach der Katastrophe von Tschernobyl kamen zu den Demonstrationen am Bauzaun noch mehr Zugereiste aus der autonomen und gewaltbereiten Szene dazu. Zum „Anti-WAAhnsinns-Festival“, einem der größten Rockkonzerte der deutschen Geschichte, dem deutschen Woodstock, wie es oft genannt wird, kamen Ende Juli 1986 100 000 Menschen. Und am 1. Oktober 1988 demonstrierten 600 Ärzte aus Deutschland und Österreich gegen die WAA; sie marschierten in ihren weißen Kitteln vom Marktplatz in Wackersdorf zum WAA-Gelände.
Vier Jahre nach dem Baubeginn, am 31. Mai 1989, wurde der Baustopp verfügt und der Bau der WAA eingestellt. Der Widerstand der Bevölkerung hat wesentlich dazu beigetragen. Nach der Einstellung des Atomprojekts entstand auf dem ehemaligen WAA-Baugelände ein ganz und gar atomfreies Gewerbegebiet, der „Innovationspark Wackersdorf“; dort sind mehr Arbeitsplätze entstanden, als mit der WAA entstanden wären. Und es ist ein Mythos entstanden: Wie die kleinen Leute an den oberpfälzischen Flüssen Naab und Regen der großen Politik Feuer unterm Hintern gemacht haben.
Was kann man lernen von damals? Dass sich ein engagierter, dass sich ein leidenschaftlicher Einsatz lohnt – auch wenn er erst einmal fast aussichtslos erscheint. Man kann von Wackersdorf, man kann vom abgeblasenen Atomprojekt lernen, dass die Zukunft nicht geformt ist, sondern geformt wird. Die Frage ist nicht, welche Zukunft man hat oder erduldet. Die Frage ist, welche Zukunft man haben will und wie man darauf hinlebt und hinarbeitet.
