Warum Boris Pistorius, der früher den Remarque-Friedenspreis verliehen hat, eine neue mentale Ausrichtung von Armee und Gesellschaft propagiert.
Von Heribert Prant
„Mich friert, ich möchte einen Schnaps trinken.“ Paul Bäumer sagt diesen Satz im ersten Kapitel von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Er will seinen aufgewühlten Zustand nach der Rückkehr aus dem Kriegslazarett betäuben. Dort hat er, zusammen mit seinen Freunden Müller und Kropp, den dahinsiechenden Klassenkameraden Franz Kemmerich besucht und ist sich mit ihnen einig darin, dass Krieg grauenvoll sinnlos ist und nach Scheiße riecht.
Paul Bäumer ist die Hauptfigur in Remarques Roman. Er gehört zusammen mit Müller, Kropp und dem sterbenden Kemmerich zur Gruppe der sieben Klassenkameraden, die sich von den patriotischen Reden ihres Lehrers dazu haben überreden lassen, sich 1917 freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Sie repräsentieren die „verlorene Generation“ junger Soldaten, die direkt von der Schulbank in den Ersten Weltkrieg geschickt wurde.
Krieg: der neue Geruch der alten Scheiße
Franz Kemmerich klagt über Schmerzen im Bein; er weiß noch nicht, dass man es ihm amputiert hat. Als er das erfährt, verschenkt er seine Stiefel. Er ist der Erste aus der Gruppe der Klassenkameraden, der stirbt. Der Letzte wird dann, einen Monat vor Kriegsende, Paul Bäumer sein – „an einem Tag, der so ruhig und so still war, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden“. So also endet, titelgebend, der Roman, an dessen Anfang Remarque den Soldaten Bäumer vom Schnaps träumen lässt und sodann den Frontkoller von dessen Soldatenfreunden Müller und Kropp beschreibt: „Müller rupft Gräser aus und kaut daran. Plötzlich wirft der kleine Kropp seine Zigarette weg und stammelt: ‚Verfluchte Scheiße, diese verfluchte Scheiße.‘“
Erich Maria Remarque hat diese Scheiße gerochen; er hat aufgeklärt darüber, was Krieg bedeutet, wie junge Männer von Geschossen zerfetzt, wie Völker traumatisiert werden, wie Kriegsherren ihren wahnhaften Irrtümern erliegen. Das Buch war der bis dahin größte publizistische Erfolg in der Geschichte der deutschen Literatur. Das Buch hat aber nichts daran ändern können, dass Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verbrochen hat – so wie Jahrzehnte vorher Bertha von Suttners Bestseller-Roman „Die Waffen nieder“ nichts am Ersten Weltkrieg hatte ändern können.
Remarques Roman ist jetzt fast hundert Jahre alt; die Stadt Osnabrück, die Geburtsstadt des Autors, verleiht seit 35 Jahren den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Boris Pistorius, der heutige Bundesverteidigungsminister, war – als Osnabrücks Oberbürgermeister – von 2006 bis 2013 Vorsitzender der Jury dieses Preises; er hat damals im historischen Rathaussaal, in dem 1648 der Westfälische Friede geschlossen worden war, diesen Preis einige Male überreichen dürfen.
Heute, als Verteidigungsminister, riecht er zwar die ‚verfluchte Scheiße‘, von der Remarque geschrieben hat – und fordert gleichwohl, vielleicht auch deswegen, deutsche Kriegstüchtigkeit; er hat im April 2026 die neue deutsche Militärstrategie proklamiert, mit der die Bundeswehr „zur konventionell stärksten Armee Europas“ entwickelt werden soll. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte das Vorhaben schon in seiner ersten Regierungserklärung im Mai 2025 angekündigt.
Der Traum von einer Zeit, in der die Gezeiten der Gewalt ein Ende haben, gilt nicht mehr viel
Das gehört zur Zeitenwende, die Olaf Scholz drei Tage nach dem Überfall Putins auf die Ukraine in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag angekündigt hat. Es wendet sich viel. Es wendet sich auch das US-amerikanische Militärengagement in Europa: US-Präsident Donald Trump und sein Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich Kriegsminister nennen lässt, haben soeben den Abzug von 5000 US-Soldaten oder noch viel mehr aus Deutschland angekündigt.
Auch dieser Abzug gehört zur Zeitenwende. Und zur Zeitenwende gehört, dass jetzt viele Menschen, die einst zu Hunderttausenden in der alten Bundesrepublik für Abrüstung und den Abzug des US-Militärs samt der hier stationierten US-Atomwaffen demonstriert haben, sich jetzt fragen, ob sie womöglich damals falsch lagen; sie fragen sich, ob sie nicht, statt über den Abzug zu jubilieren, wie sie es damals so gern getan hätten, jetzt trauern, klagen und sich ängstigen müssen.
Es geschieht der „Mindset-Wechsel“, den Carsten Breuer, der Generalinspekteur der Bundeswehr, seit Juli 2023 zuerst in der Veranstaltungsreihe „Zeitenwende on tour“ propagiert hat und den die deutsche Politik fördert. Breuer forderte und fordert eine neue mentale Ausrichtung der Bundeswehr und der Gesellschaft; die innere Haltung zum Krieg solle und müsse sich ändern. Das geschieht gerade. Der Traum von einer Zeit, in der die Gezeiten der Gewalt ein Ende haben, gilt nicht mehr viel. Vor gar nicht so langer Zeit hätte man nur eine solche Zeit als Zeitenwende bezeichnet. Die jetzt als Zeitenwende geltende Zeit ist aber eine, die wieder anschließt an die langen Zeiten der Aufrüstung.
Warum sind die Zeiten des Aufrüstens so gefährlich lang? Warum ist die Zeit des Abrüstens so gefährlich kurz? Das Schicksal der Symbole, die für die Abrüstung stehen, hilft bei der Antwort. Die Geschichte der Taube als Friedenssymbol reicht zurück in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte, in die Zeit der Genesis mit ihrem Mythos von der Sintflut und der Arche Noah. Es hat der Friedlichkeit des Symbols nichts anhaben können, dass die Tauben als Brieftauben in Kriegen zum Einsatz kamen.
Die Geschichte der Friedenstaube und des Nashorns
Die heute geläufige Darstellung der Friedenstaube geht auf Picassos Lithografie von 1949 zurück. Er hat sie für den Weltfriedenskongress in Paris 1949 geschaffen und er ergänzte das Motiv ein Jahr später um den Ölzweig. Diese weiße Taube auf blauem Grund wurde schnell zum international wiedererkennbaren Emblem, weil jeder diese Bildsprache verstand und sie ein schöner Ausdruck einer alten Sehnsucht war.
Vor fünfzig Jahren hatten die Taube und ihre Botschaft dann Hochkonjunktur – als umfassendes Friedenssymbol, als Ausdruck des Protests gegen Nachrüstung, als Aufforderung zur Abrüstung, als Warnung vor einem nuklearen Inferno, als Mahnung zur Entspannungspolitik und zur Friedlichkeit; die Taube war Ausdruck für eine Grundhaltung. Diese Grundhaltung ist verschwunden.
Zehn Jahre nach Picasso hat der rumänisch-französische Dramatiker Eugène Ionesco ein anderes Symboltier geschaffen; es ist das Gegensymbol, es ist das Symbol für den inneren und äußeren Krieg. Das Rhinozeros ist bei ihm die Verkörperung der Entmenschlichung. Ionesco hat es nicht gemalt, er hat es eindrucksvoll beschrieben. Sein Stück über „Die Nashörner“ zeigt zwar kein einziges dieser Tiere leibhaftig, aber es präsentiert eindrucksvoll, welche Gefahr von ihnen ausgeht. Sie sind nämlich bei Ionesco nicht einfach nur die Inkarnation der Trampelei, der Rücksichtslosigkeit, der Unvernunft, der Menschenfeindlichkeit und der Brutalität. Sie symbolisieren auch die grenzenlose Ansteckungsgefahr, die von ihnen ausgeht: Die Rhinozeritis ist ein Massenphänomen. Die Menschen verwandeln sich in Rhinozerosse; und je mehr es von ihnen gibt, umso mehr wollen ihnen gleich sein.
Diese Rhinozeritis ist eine politische Pandemie, bei der die Krankheit in vielerlei Erscheinungsformen auftritt, die allesamt mit Inhumanität und Gewalt einhergehen. Die Infektion wird von den Infizierten beschönigt. Bei Ionesco hört man daher, wie der sich auf der Bühne in ein Nashorn verwandelnde Hans seinem standhaft resistenten Freund Behringer zuruft: „Es gefällt mir, ein Menschenfeind zu sein! Das Humane ist überholt! Sie sind ein alter, lächerlicher Schwärmer.“
Die Friedenstaube und das Nashorn: Bringen wir die beiden Symbole zusammen: Die Friedenstaube ist das erste Opfer der Rhinozeritis; sie passt nicht in die Nashorn-Welt. Sie fällt der Nashorn-Trampelei zum Opfer. Das Gefährliche ist, dass in der noch nicht infizierten Welt eine partielle Vernashornung als Rezept gilt, um der Gefahr zu begegnen. Das erleben wir derzeit. Auch der Mindset-Wechsel, die neue innere Haltung zum Krieg, gehört zur Vernashornung.
