Die Polizei zieht demnächst bei Hitler ein: Wie die Republik Österreich versucht, dessen Geburtsstadt zu exorzieren und zu neutralisieren.

Braunau ist ein schönes Städtchen mit einem unglücklichen Namen. Dort gibt es die mächtige und prächtige spätgotische Hallenkirche St. Stephan mit einem beeindruckend hohen Kirchturm, einem der höchsten in Österreich. Dort gibt es die fein renovierten spätmittelalterlichen Bürgerhäuser mit hochgiebeligen Fassaden. „Historisch wertvoll“, schreiben die Reiseführer über die Altstadt von Braunau. Mit dem Haus Nummer 15 in der Straße, die „Salzburger Vorstadt“ heißt, hat dieses Prädikat nichts zu tun. In diesem Haus, in einer der damaligen Mietwohnungen, wurde 1889 Adolf Hitler geboren, als drittes von sechs Kindern des Zollbeamten Alois Hitler und seiner Frau Klara. Dreieineinhalb Jahre später kam die Versetzung des Vaters, und die Familie zog von Braunau nach Passau.

Am 22. Juli soll die offizielle Eröffnung sein

Dreieinhalb Jahre frühe Kindheit: Mehr Hitler war in Braunau nicht. Braunau ist kein Tatort, aber ein stigmatisierter Erinnerungsort, der Ort eines verfluchten Hauses: Man kennt die Stadt in der ganzen Welt als den Geburtsort eines Massenmörders. Das ist Geschichte und das bleibt Geschichte – auch wenn die Republik Österreich soeben den teuren Versuch vollendet, das Geburtshaus und damit vermeintlich die Stadt Braunau zu enthitlerisieren und zu exorzieren. Sie hat das Geburtshaus für zwanzig Millionen Euro umgebaut und bringt dort die Polizeiinspektion sowie das Bezirkspolizeikommando unter; am 22. Juli wird das neue Polizeihauptquartier Braunau offiziell eröffnet. Dass diese Stadt die Farbe „Braun“ im Namen trägt – darüber werden schlechte Witze gemacht. Es ist ein Ungemach, das natürlich mit der NS-Farbensymbolik nichts zu tun hat; es ist dies aber eine etymologische Bitternis, die die dunklen Assoziationen an die NS-Vergangenheit weckt und bewahrt.

Die Republik Österreich, der das Hitlerhaus gehört (sie hat es 2016 durch Enteignung erworben), versucht, die giftige Geschichte wegzurenovieren und die bösen Konnotationen auszuradieren, dem Haus, wie es hieß, den „Wiedererkennungswert zu entziehen“: In der Auslobung für den Architektenwettbewerb zum Umbau des Hauses Nummer 15 stand, „durch die äußerliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt (…) werden“. Das waren, sind und bleiben abenteuerlich falsche Überlegungen, die den Umbau weit über dessen Neueröffnung hinaus diskreditieren. Wenn man der neuen Nutzung etwas abgewinnen will, dann dies: Am 20. April, wenn zu Hitlers Geburtstag wieder Neonazi-Touristen an ihrer braunen Pilgerstätte aufmarschieren, ist die Polizei schon an Ort und Stelle.

Hier kann man lernen, wie man nicht lernt

Das Innenministerium in Wien verwies auf das „Beispiel München“: Auch dort sind, in einer ehemaligen Wohnung Hitlers am Prinzregentenplatz, Polizeidienststellen untergebracht, schon seit 1949. Das sei halt, so argumentierte Wien, gängige Praxis. Braunau ist freilich als „Ursprungsmythos“ viel stärker aufgeladen; die Münchner Wohnung ist eine von mehreren späteren Residenzen des Diktators und symbolisch weniger bepackt. Wolfgang Peschorn, damals parteiloser Innenminister in Wien, hatte 2019 davon gesprochen, das Hitler-Geburtshaus der Erinnerung an den Nationalsozialismus zu entziehen. Von seinem ÖVP-Nachfolger Karl Nehammer wurde dann 2020 die seltsame Formel von der „völligen Neutralisierung“ des Hauses kolportiert. In diesen Zusammenhang gehörte auch sein Vorschlag, das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, das die Stadt Braunau 1989 auf dem Gehsteig vor dem Hitlerhaus aufgestellt hatte, wegzuschaffen und nach Wien ins „Haus der Geschichte“ zu bringen. Auf der Vorder- und Rückseite des Mahnmals befinden sich die Inschriften „Für Frieden Freiheit und Demokratie – Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“ und „Stein aus dem Konzentrationslager Mauthausen“. Eine solche „Neutralisierung“ durch Musealisierung scheiterte aber dann glücklicherweise daran, dass über den öffentlichen Gehsteig vor dem Hitlerhaus die Gemeinde Braunau, nicht die Republik Österreich als Hauseigentümerin entscheidet.

Geschichte kann man nicht neutralisieren; man kann nur aus ihr lernen. Aus der Debatte über das Hitlerhaus, wie sie in Österreich geführt und dann von der Wiener Politik ungut entschieden wurde, kann man lernen, wie man nicht lernt: Das Innenministerium in Wien scherte sich nichts darum, wie Bürgerinitiativen und Netzwerke, angeführt vom Innsbrucker Zeithistoriker Andreas Maislinger, zwanzig Jahre lang Ideen zu einem „Haus der Verantwortung“ entwickelten, die in Braunau sehr viel Anklang fanden; die Ideen wurden aber vom Tisch des Innenministers gewischt, der erst für den Abriss plädierte, sich dann für den Umbau zur Polizeistation entschied und eine sogenannte Neutralisierung. Der Leitgedanke der Bürgerinitiativen war gewesen: Aus dem „Geburtsort des Holocaust“ sollte eine internationale Begegnungsstätte, ein Lern- und Diskursort für junge Menschen aus der ganzen Welt werden, die jeweils einige Monate in Braunau leben und über Frieden und Demokratie, über die Vergangenheit und Zukunft ihrer Länder diskutieren.

Lange war hier eine Werkstätte für Menschen mit Behinderungen – ohne aber behindertengerecht zu sein

Bis 2011 hatte die Lebenshilfe Oberösterreich das Hitlerhaus als Tagesheim und Werkstätte für Menschen mit Behinderungen angemietet. Die damalige Eigentümerin weigerte sich aber beharrlich, das Haus behindertengerecht umzubauen; deshalb endete das Mietverhältnis, und das Objekt stand jahrelang leer, bis dann der österreichische Staat darauf zugriff. Für das Geld, das nun der polizeigerechte Umbau kostete, hätte der Staat als neuer Eigentümer das Haus dreimal behindertengerecht umbauen können. Eine solche sozialkaritative Nutzung, ein Haus für Menschen mit Behinderungen, wäre gewiss auch ein „Haus der Verantwortung“ gewesen. Aber der Staat Österreich (im Gegensatz zur Stadt Braunau) wollte so ein Haus einfach in keiner Form; angeblich auch wegen eines damit verbundenen Pilgerstätten-Risikos.

Der Braunauer Gemeinderat hat deshalb vor Kurzem einstimmig beschlossen, die Idee des „House of Responsibility“ auf neue Weise zu verwirklichen – nicht im Hitler-Geburtshaus, sondern im alten Stadttheater Braunaus, das seit zwanzig Jahren leer steht; der Trägerverein hat zwei Jahre Zeit, die Finanzierung sicherzustellen. Hätte es das Haus der Verantwortung im Februar 2022 schon gegeben, so sagt sein Fürsprecher Maislinger, hätten dort auch nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine Russen und Ukrainer mit Menschen aus anderen Ländern sprechen können: „Wir hätten den Dialog nicht abgebrochen – und die Stadt Braunau wäre über die Kriegsjahre hin ein Ort der Verständigung geblieben.“ Es ist eine Vision: wie aus einem international stigmatisierten Erinnerungsort ein international geachteter Verantwortungsort wird.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 29.04.2026 in der Süddeutschen Zeitung.