Wenn die vielen, vielen Texte über den vor Wismar gestrandeten Buckelwal Timmy und über die Rettungsaktionen für ihn weggelesen sind, dann bleibt dieses wunderbare Buch „Wenn die Wale fortziehen“. Es ist nicht neu, aber von großer poetischer Kraft. Der in dreißig Sprachen übersetzte tschuktschische Schriftsteller Juri Rytchëu hat es vor Jahrzehnten geschrieben.
Es geht aus von der Schöpfungslegende seines Volkes in Nordsibirien, von der ursprünglichen Gemeinschaft von Mensch und Wal, von der Einheit von Mensch und Natur. Das Verschwinden der Wale wird zum Symbol für das Ende einer Ära. Die Geschichte beginnt so: Aus Liebe zum Mädchen Nau verwandelt sich der Wal Reu in einen Mann. Nau bekommt mit ihm sowohl Wal- als auch Menschenkinder und wird damit zur Urmutter des Volkes der Tschuktschen. Die Wal- und Menschenkinder leben miteinander und mit der Natur. Einige der Nachfahren machen sich auf den Weg, um zu erkunden, wohin die Wale in der dunklen Jahreszeit ziehen und kommen nach Jahren mit ihren Berichten von den in der Wärme lebenden und Pflanzen essenden Menschen zurück.

Nau lebt als weise Greisin, wird jedoch nach und nach immer weniger gehört und verstanden. Als sich die Menschen zu immer brutalerem Umgang mit den Tieren entschließen und schließlich auch einen Wal töten, stirbt die alte Nau mit den Worten: „Wenn du heute deinen Bruder, nur weil er dir nicht ähnlich sieht, erschlagen hast, wirst du morgen …“ Sie meint, dass mit der Tötung des Wals die letzte innere Grenze gefallen ist: Wer heute den Bruder Wal tötet, nur weil er anders aussieht, wird morgen auch den menschlichen Bruder töten. Der Tabubruch weitet sich aus und zerstört jede Form von Verwandtschaft und Verantwortung.
Urmutter Nau stirbt, weil die mythische Verwandtschaft von Mensch und Wal und der respektvolle Umgang mit der Natur zerbrochen sind; ihre Welt und ihr Wissen haben keine Grundlage mehr. Ganz zart beschreibt Rytchëu die Landschaft, das Licht, die Rituale und Lebensweise seiner arktischen Heimat. Wie nebenbei und wie im Märchen kommt der Autor auf die Entwicklung der Sprache, beschäftigt er sich mit den Göttern, mit der Liebe und mit der Gier.
Juri Rytchëu: Wenn die Wale fortziehen. Das aus dem Russischen von Eveline Passet übersetzte Buch ist in der aktuellen Ausgabe aus dem Jahr 2010 erschienen im Unionsverlag, es hat 136 Seiten und kostet 13 Euro.