Wissen Sie eigentlich, was Ihre Großeltern oder Urgroßeltern im Krieg gemacht haben? „Unsere Familie hat sich nichts zuschulden kommen lassen“, heißt es manchmal. Was ist, wenn das nicht stimmt? Wenn sie nicht Opfer von Krieg und Vertreibung war, als die sie die Familienlegende dargestellt hat?

Vasco Kintzel, geboren 1973, hat in diesem Buch die elterlichen Erzählungen als das entlarvt, was sie waren: „Deckgeschichten, verlogene Anekdoten, die eine Beteiligung der Vorfahren an NS-Verbrechen kleinreden, bagatellisieren, ins heroische Gegenteil verkehren sollten.“ So schreibt der frühere SZ-Kollege Sebastian Schoepp in seinem Nachwort zu Kintzels Spurensuche. Schoepp hat auch selbst eine solche Spurensuche hinter sich und er weiß, dass die NS-Zeit auf akademischem Niveau auserzählt ist. In den Familien hingegen hat eine Aufarbeitung nur in seltenen Fällen stattgefunden.

Vasco Kintzels Buch ist eine spannende und bewegende autobiografische Recherche über die NS-Täterschaft in der eigenen Familie und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart. Kintzel, ein „Kriegsenkel“, versteht seine Geschichte als Anleitung für viele Familien, in denen beim Auf- und Ausräumen der Elternhäuser Fotos und Dokumente auftauchen, die auf Täterschaft hindeuten.

Seit Kurzem ermöglicht das US-Nationalarchiv jedem die Familienforschung via Internet. Zum Kern der US-Sammlung gehört die NSDAP-Ortsgruppenkartei mit etwa 6,6 Millionen Mitgliedskarten, die detaillierte Angaben wie Name, Geburtsdatum, Beruf, Parteieintritt und Wohnort enthalten. So kann die Recherche beginnen. Ihr Ausgangspunkt könnte ein Zitat von Fritz Bauer sein, Generalstaatsanwalt und Chef der Anklagebehörde in den ersten Auschwitzprozessen: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

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