Die Kraft der Hoffnung beginnt im Kinderbuchladen. Das Ergebnis einer großväterlichen Recherche.

Von Heribert Prant

In den Nachrichten hört man vom Frieden nichts. Man muss in den Buchladen gehen, um ihn zu finden, am besten dorthin, wo die aktuellen Kinderbücher stehen. Da wird schon im Titel gefragt, was auch Erwachsene umtreibt: „Wann ist endlich Frieden?“ Und es werden „Antworten auf Kinderfragen“ versprochen, auf Kinderfragen zu Krieg, Gewalt, Flucht und Versöhnung: „Kommt der Krieg auch zu uns?“ „Was ist im Krieg erlaubt?“ „Wie kann ein Krieg beendet werden?“ „Was können wir für den Frieden tun?“ Kindgerechte Erläuterungen dazu werden angekündigt und Hilfen, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen.

Und weil man bei solchen Fragen erst einmal mit sich selbst ins Gespräch kommen muss, greift man gespannt zu einem Bilderbuch mit dem Titel „Der Frieden ist ausgebrochen“. Gespannt und überrascht ist man da deswegen, weil man aus der Alltagssprache das Gegenteil gewohnt ist: Da bricht nicht der Frieden, sondern der Krieg aus; da erleben wir den Krieg schon sprachlich als ausbrechende, als unkontrollierbare Größe.

Man blättert also, man liest, man kauft, weil der Titel vom ausbrechenden Frieden die Normalität der Kriegsmetaphorik irritiert, weil er ihre Schablonenhaftigkeit entlarvt. Aber zugleich denkt man sich: Der Frieden ist doch kein naturhaftes Ereignis, das plötzlich da ist, wie es das Wort „ausbrechen“ suggeriert: Der Frieden braucht Akteure, er braucht Menschen, die handeln, die verhandeln. Verheißt ein Titel wie „Der Frieden ist ausgebrochen“ also fälschlicherweise ein Happy End, ein plötzliches Umschlagen der Gewalt? Ist das eine Trivialisierung des Friedens durch die simple Umkehrung der Formel vom „Kriegsausbruch“, die die Verantwortung für den Krieg verschleiert?

Alles über Konflikte – auf 32 Seiten

Solche Gedanken sind das erste Ergebnis einer großväterlichen Recherche: Vor einem Besuch bei meinen Enkeln war ich im Buchladen, um mir neue Vorlesebücher zu besorgen. Ich habe nach Büchern über den Frieden gesucht und war überrascht, wie viele es gibt – für Kita-Kinder, für Schulkinder, für Jugendliche. Ich habe mir eingepackt: Für die Kleinen „Das Zebra mit dem Regenschirm“ und „Die Streithörnchen“ und „Die Knotenlöserin“; für die etwas Größeren ein Buch, das auf 32 Seiten „Alles über Konflikte“ darlegen will und das im Titel die Frage stellt „Wie ist es, wenn es Krieg gibt?“. Und dann eines, das auf 125 Seiten für Jugendliche ab zwölf Jahren Ähnliches versucht. Und schließlich einen Jugendroman, der „Mein Freund Pax“ heißt.

Das „Zebra mit dem Regenschirm“ hat der spanische Poet David Hernández Sevillano geschrieben und die spanische Künstlerin Anuska Allepuz illustriert. Es lebt von einer ebenso schönen wie simplen Idee: Nach der langen Trockenzeit fängt es in der afrikanischen Savanne zu regnen an und das Zebra macht es sich unter seinem großen Regenschirm bequem. Nach und nach kommen weitere Tiere und bitten um Unterschlupf und Schutz vor dem Regen – die Gazelle, das Rhinozeros, der Elefant und der Hase. Der bunte Schirm ist eben sehr groß. Sogar der Löwe darf mit dazu, weil er verspricht, niemanden zu fressen! Ob das gut gehen wird? Es geht gut. Unter dem Regenschirm, das erfährt man dann, „erzählten sie sich Geschichten, lösten Rätsel und sangen. Schließlich hörte es auf zu regnen“. Das Hardcover-Buch mit seinen 24 Seiten ist eine schöne Tiergeschichte über Vertrauen und Zusammenhalt – sparsam erzählt, fröhlich gemalt.

Die sanfte Gewalt des Zuhörens

Das großformatige Bilder- und Vorlesebuch über „Die Streithörnchen“ handelt von zwei Eichhörnchen namens Lenni und Finn und ihrem erbitterten Streit um den letzten Tannenzapfen des Jahres. Bei der Streiterei geraten sie in einen Wasserfall, gehen fast unter, retten sich in letzter Sekunde auf einen Ast und entdecken, dass Freunde (und das Teilen mit ihnen) wichtiger sind als alle Streitereien. Das Buch von Rachel Bright und Jim Field ist von Pia Jüngert aus dem Englischen übersetzt, die englische Originalausgabe ist 2017 erschienen und hat auf Deutsch schon viele Auflagen erlebt. Man freut sich an den Bildern, an den gereimten Texten und darüber, dass man an die Stelle der Namen der Eichhörnchen Lenni und Finn die Namen der Kinder setzen kann, denen man vorliest.

Das poetische Bilderbuch „Die Knotenlöserin“ von Lena Raubaum illustriert von Clara Frühwirth ist ein Buch über die sanfte Kraft des Zuhörens. Es erzählt von einer geheimnisvollen jungen Frau, die in eine Stadt kommt und dort allen Menschen hilft, ihre „Knoten“ zu lösen – echte Knoten in Schnüren, Bändern und Kabeln, Knoten mit Nahestehenden, vor allem aber die inneren Knoten: Konflikte, Ängste, Verstrickungen, auch die im eigenen Herzen. Da freut man sich aufs Vorlesen und gemeinsame Sinnieren.

Das Bilderbuch „Wie ist es, wenn es Krieg gibt?“ ist mit seinen 32 Seiten ein gutes Einstiegsbuch für Gespräche mit Kindern ab fünf Jahren, es erklärt anschaulich den Unterschied zwischen Streit, Konflikt und Krieg, schlägt den Bogen von persönlichen Auseinandersetzungen bis zu globalen Konflikten. Es ist im Original englischsprachig, wurde von Jonas Bedford-Strohm übersetzt und hat ein hilfreiches Glossar. Ein neues Buch aus der Ravensburger-Reihe „Let’s talk about“ über „Frieden und Kriege“ bietet auf 127 Seiten quasi die Vertiefung und Fortsetzung des eben genannten Einstiegsbuchs; es scheut komplizierte Fragen nicht bis hin zu „Was tun, wenn Gespräche nichts bringen?“ und „Was ist ein positives Konfliktverständnis?“. Es ist ein wichtiges Buch für Jugendliche ab zwölf.

Mein Freund Pax

Und dann empfehle ich einen Roman für junge Menschen dieses Alters: „Mein Freund Pax“ heißt es (obwohl das lateinische Wort „Pax“, also Frieden, weiblich ist und nicht männlich): Es handelt von der Freundschaft zwischen Peter und dem Fuchs Pax, die durch den Krieg auseinandergerissen wird. Es ist ein packendes, ein fesselndes Plädoyer für Menschlichkeit von Sara Pennypacker – und fast schon ein Klassiker.

Ein letztes Buch freut mich besonders, weil es ein Friedensbuch ist, das die Altersgrenzen sprengt, weil es ein Friedensbuch für alle ist – für Menschen von fünf bis neunundneunzig: „Das Friedenstier – Mit Stift und Flügeln für den Frieden“ ist bei dtv erschienen. Es stellt mehr als 140 Friedenstiere vor und animiert Kinder, selber ihr Friedenstier zu malen. Wenn das Buch dann auch Oma und Opa, Onkel und Tante dazu bringt, selber ein Friedenstier zu malen – dann kann das Reden über den Frieden beginnen.

Friedensbücher wie die, die ich beim Besuch im Buchladen eingepackt habe – sie machen Hoffnung. Sie machen Hoffnung darauf, dass da neue Generationen ganz anders aufwachsen als so viele Generationen vor ihnen – mit Texten, Bildern und Gedanken, die den Frieden als erfrischend-prickelnden Zustand beschreiben. Und so beginnt die Kraft der Hoffnung in schier hoffnungslosen Zeiten mit einem Besuch in der Kinderbuchecke Ihres Buchladens.


 

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